Über die Bedeutung von GroßprojektenEin Musical inszenieren

Die Symbiose aus Musik und Theater bei einer Musical-Produktion lässt künstlerische Großprojekte entstehen, die nicht selten die ganze Schule einschließen. Kein anderes Projekt kann so viele unterschiedliche Gruppen innerhalb des Systems Schule integrieren. Kein anderes Projekt bietet so viele unterschiedliche Möglichkeiten, seine Fähigkeiten einzubringen und neue Kompetenzen zu erwerben.

Puzzle

Aus vielen verschiedenen Elementen fügt sich am Ende ein gelungenes Gesamtbild zusammen. Foto: © iStock.com / Raymond Truelove

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„Immer wenn Musicals aufgeführt werden, dann geht ein Ruck durch die Schule; man spürt die Verbundenheit der Beteiligten, dieses Zusammenrücken der ganzen Schule.“ Mit diesen Worten hat ein Kollege die Stimmung wiedergegeben, die sich in der Schule im Umfeld von Musicalaufführungen ausgebreitet hat. Die Attraktivität von Musicals hat sich rasch auch auf Schulen übertragen, Musicalaufführungen sind inzwischen zu einem Teil der Schultheaterwelt geworden. Die Wochen um die Aufführung sind für alle Beteiligten, Schüler, Lehrer und Eltern eine Zeit, die sehr intensiv erlebt wird, die sich als prägendes Erlebnis „tief ins Herzen“ eingräbt.

Komplexität als Herausforderung

An einer Produktion ist immer eine große Anzahl verschiedener Gruppen beteiligt. Vom Bühnenbild über die Maske, von der Technik bis zu den Musikern und Darstellern, vom Programmheft bis zum Kartenverkauf, und vieles mehr – es gilt für die Leitung, eine große Zahl von Teams zu koordinieren. An meinen Aufführungen von Musicals haben bis zu 22 Gruppen mitgewirkt. Diese Teams sind heterogen zusammengesetzt, Schüler aus verschiedenen Klassen und Jahrgangsstufen arbeiten zusammen, sie kooperieren mit Eltern und Lehrern. Die gemeinsame Aufgabe hält die Gruppe zusammen, alle bemühen sich, sie termingerecht zu erfüllen. Die beteiligten Personen können ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und ihre Interessen in das Team einbringen und zielgerichtet arbeiten. Es gibt kein vergleichbares Projekt an der Schule, in dem Schüler unterschiedlicher Klassen und Jahrgangsstufen, Lehrer und Eltern auf verschiedenen Ebenen kooperieren können. Darüber hinaus bieten sich vielfältige Möglichkeiten, außerschulische Institutionen, von der Firma in der Nähe der Schule bis hin zu Experten auf verschiedenen Gebieten, in die Arbeit einzubeziehen (vgl. Frommer / Kösgen 1989).

Partizipation als Motor der Schulentwicklung

Gemeinsame Ziele, gemeinsame Anstrengungen und Mühen schaffen Verbundenheit: wenn Schüler, Eltern und Lehrer an einem gemeinsamen Projekt arbeiten, dann werden Veränderungen im allgemeinen Klima fühlbar und sichtbar (vgl. Klippert 2000). Was sonst in langwierigen und zeitintensiven Schulentwicklungsprozessen erarbeitet wird, stellt sich hier quasi als Begleitprodukt ein: Es erfolgt eine intensive Arbeit an „Corporate Identity“ und Schulklima (vgl. Pfeiffer 2003). Der Begriff „Corporate Identity“ – von der Industrie auf Schule übertragen – bezeichnet die geplante und realisierte Selbstdarstellung und Verhaltensweise eines Unternehmens nach innen und außen mit dem Willen, alle Handlungsinstrumente des Unternehmens in einen einheitlichen Rahmen nach innen und außen zur Darstellung zu bringen.

Die Dimension des Projekts fordert und fördert intensive Zusammenarbeit aller Beteiligten:

  • Die Schulleitung schafft die strukturellen Voraussetzungen und die Rahmenbedingungen. Das beginnt bei der Zuteilung von Stunden für den Unterricht in den einzelnen Gruppen und geht bis zur Einladung der Ehrengäste. Sie muss Rückendeckung und Unterstützung leisten bei Konflikten im schulischen Umfeld, wenn Unterricht wegen Proben verschoben oder wenn das Kollegium von der Bedeutung des Projekts erst überzeugt werden muss.
  • Die Eltern sind durch ihre Kinder eingebunden: Es werden Requisiten besorgt und die Kleiderschränke durchwühlt; so findet sich manches brauchbare Stück aus früheren Zeiten. Gerade die Eltern mit ihren zahlreichen Verbindungen im beruflichen Leben stellen eine schier unerschöpfliche Quelle an Unterstützungsmöglichkeiten dar. Ihre Verbindungen und ihr Engagement erleichtern den Zugang zu möglichen Sponsoren und Unterstützern, ihr berufliches „Know-How“ wird viel zu selten in schulische Arbeit miteinbezogen.
  • Neben der aktiven Mitwirkung bietet sich den Schülern auch das Engagement hinter den Kulissen an: Bühnenumbau, Ton- und Lichttechnik, Maske, Saalorganisation, Abendkasse und Sanitätsdienst erfordern eine große Zahl an aktiven Schülern.  
  • Einzelne Lehrer können sich mit ihren Klassen oder Gruppen engagieren, indem sie Teilbereiche selbstständig übernehmen: Kulissenbau, Bühnenumbau, Marketing, Maske, Technik, Fotodokumentation, Programmheft und Plakatgestaltung – ein weites Feld auch für aktuelle und praxisbezogene Unterrichtsprojekte.

Unterschiedlichen Anforderungen als Differenzierung

Das Ziel einer gemeinsamen Aufführung auf möglichst hohem künstlerischem Niveau definiert die Anforderungen an alle Beteiligten. Jeder einzelne muss seinen Teil dazu beitragen, dass das Gesamtkunstwerk gelingt. Die Arbeit mit den Gruppen setzt entsprechend der Größe und den Fähigkeiten der Mitglieder sehr unterschiedliche pädagogische und künstlerische Schwerpunkte. Während in der einen jedes Mitglied eine perfekte Leistung bieten muss, liegt der Schwerpunkt in der anderen Gruppe eher auf der gemeinsamen Ausführung. Die zentralen Gruppen einer Musiktheaterproduktion sollen hier kurz dargestellt werden: 

Band

Die Band ist das Fundament der Produktion. Sie setzt den Rahmen für die Leistungen der Sängerinnen und Sänger, sie prägt entscheidend das klangliche Bild beim Zuschauer. Im Idealfall kann die musikalische Gestaltung von der schuleigenen Band bzw. mit einer eigens dafür zusammengestellten Gruppe durchgeführt werden. Reichen die Fähigkeiten der Schüler dafür nicht aus, bietet sich eine Kooperation mit Musikern aus dem Umkreis der Schule an: eine Band mit Lehrern, Eltern oder Musikern aus der Region bringt neue Impulse für das Projekt.

Chor

Das alle Schüler integrierende Element auf der Bühne ist der Chor. In meiner Arbeit hat es sich bewährt, dass alle Beteiligten, auch die Tänzer und Schauspieler, die Songs mitgesungen haben. Im Chor vereinigen sich alle Darsteller, hier ist jeder gefordert, seinen Teil zum Gesamtklang beizutragen. Der gemeinsame Gesang schafft eine Einheit auf der Bühne und innerhalb der Szene. Hier wird auch die Gemeinsamkeit nach außen musikalisch demonstriert.

Sänger / Schauspieler

Gesangssolisten und Schauspieler prägen das Bild der Produktion. Diese Rollen bieten die Chance, sich als Solist oder in einer kleinen Gruppe in der Öffentlichkeit zu präsentieren, eine andere Seite der Person zu zeigen, die im Gegensatz zur Rolle im üblichen schulischen Rahmen steht. Sänger und Schauspieler müssen speziell geschult werden, dazu ist Unterricht notwendig. Werden die Schüler von einem professionellen Künstler aus dem regionalen Umfeld unterrichtet, kann dies die Qualität wesentlich steigern. Einerseits schafft das Entlastung für den Leiter, andererseits bringen hier Experten ihr Wissen in die Produktion mit ein.

Tanzgruppe

Die Tanzgruppe wird in der Regel von der Sportkollegin betreut. Im Bereich des Tanzes sind weitere Differenzierungen möglich: Schüler mit besonderen Fähigkeiten im Tanz können für eine spezielle Tanzgruppe ausgewählt werden, die dann kunstvolle Choreografien erarbeiten darf. Das komplette Sing- und Sprechensemble sollte aber auf jeden Fall in einige Choreografien miteinbezogen werden, denn die Wirkung des Tanzes von allen Darstellern ist sehr beeindruckend. Kommt es zu keiner Kooperation innerhalb der Schule, so bietet sich eine Zusammenarbeit mit einer örtlichen Tanz- oder Ballettschule an; häufig bringen professionelle Tänzer aus diesem Bereich eine größere Intensität und damit verbunden einen höheren Leistungsanspruch mit, der sich meist positiv auf die Gesamtleistung auswirkt.

Regie, Schauspiel

Das Schauspiel ist neben der Musik das zentrale Element. Der Theaterlehrer ist letztendlich für das Gelingen der Produktion verantwortlich, er ist für alles zuständig, was auf der Bühne geschieht. Gerade die Arbeit an der Bühnenpräsenz aller Darsteller ist ein langer und mühsamer Weg, der je intensiver er betrieben wird, auch zu qualitativ hochwertigeren Ergebnissen führt. Dafür muss der Theaterlehrer genügend Kompetenz sowohl im Theater als auch in musikalischen Ausdrucksformen mitbringen. In die szenische Darstellung können professionelle Künstler aus dem regionalen Umfeld Erfahrungen in die Produktion einbringen, die diese wesentlich bereichern. Für Schüler ist gerade die Erfahrung im Schauspiel eine wichtige Schlüsselqualifikation, die sie im späteren Berufsleben sehr gut einsetzen können.

Licht- und Tontechnik

Damit die Leistungen „ins rechte Licht“ gerückt werden, müssen technische Ausstattung und Bedienung der Produktion angemessen sein. Gerade hier können Schüler ihre speziellen Interessen einsetzen und erweitern. Je nach den Möglichkeiten der Schule sollte die Technik von eigenen Spezialisten „gefahren“ oder angemietet werden. Ein Profi am Mischpult kann die Gesamtleistung und den Gesamteindruck wesentlich verbessern. Aber auch hier gilt: Ideal ist es, wenn Schüler von Profis lernen können, ein Technikteam von einem Profi betreut bietet hervorragende Lernbedingungen für Interessierte.

Erfolg als Stärkung der Gemeinschaft

Das Zusammenwirken der einzelnen Gruppen innerhalb der Produktion erfordert ein hohes Maß an Absprachen und Abstimmungen unter den Leitern der einzelnen Ensembles. Einerseits müssen die übernommenen Aufgaben von den Ensembles erfüllt werden, andererseits müssen sich diese in das Gesamtbild integrieren lassen. Die sich daraus wiederum ergebenden Veränderungen zwingen alle Beteiligten zu großer Flexibilität und Kooperation. 

Unterschiedliche Qualitätsniveaus in den künstlerischen Leistungen müssen abgestimmt werden: Während eine Gruppe mehr aus pädagogischen Gründen mitwirken darf – die Leistungen auch nicht perfekt sind –, wird in einer anderen ein hohes Maß an Können gefordert. Musiktheaterarbeit erfordert einen ständigen Balanceakt zwischen Fordern und Fördern, zwischen den eigenen Ansprüchen und den Leistungen der einzelnen Gruppen.   

In der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Teams ergeben sich folglich viele Reibungspunkte, die schnell eskalieren können. Eine Choreografie, die geändert werden muss, ein Song, der wegfällt, der Platz, der für die Tanzgruppe nicht ausreicht – das alles sind Themen, die ein kontinuierliches Abstimmen und Rücksichtnahme erfordern. Hier muss die Leitung äußerst sensibel, aber auch rasch und entschieden handeln, um Konflikte möglichst bereits im Vorfeld entschärfen zu können. Teambesprechungen, klare Aufgaben und klare Verantwortlichkeiten, also Transparenz in möglichst vielen Bereichen, kann hier den täglichen Umgang erheblich erleichtern.

Alle Beteiligten, Schüler, Eltern, Lehrer und die Schulleitung, haben jedoch ein Ziel vor Augen: die Aufführung. Spätestens wenn sich der Vorhang nach dem Premierenapplaus wieder senkt, wissen sie: Die Mühen haben sich gelohnt, es ist ein tolles Gefühl, in einer solch großen Gemeinschaft seinen Teil zum Erfolg beigetragen zu haben. 

 

Literatur

Frommer, Helmut / Körsgen, Siegfried: Über das Fach hinaus. Fächerübergreifender Unterricht, praktisches Lernen, pädagogische Tradition. Düsseldorf, 1989

Klippert, Heinz: Pädagogische Schulentwicklung. Weinheim, 2000

Pfeiffer, Wolfgang: Musik(-theater) – ein bedeutendes Element im Prozess der Schulentwicklung. In: Korrespondenzen 43 / 2003

Pfeiffer, Wolfgang: Schulentwicklung – ein Theater mit Musik. In: Spiel und Theater 2004

Pfeiffer, Wolfgang: Musicalproduktionen in der Schule; Tipps und Tricks rund um die Aufführung in Musicals. In: Terhag, Jürgen / Maas, Georg: Musikunterricht heute, Bd. 8, 2010

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