She She Pop: seit 20 Jahren innovativ aktivTheater im Kollektiv

Mieke Matzke vom Performance-Kollektiv She She Pop im Interview mit Agnes Manier: Hier ist das Arbeiten im Kollektiv Programm, das heißt: Alle machen alles, vom Entwickeln eines Konzepts über den Entwurf einer Bühnenfigur und des Raums bis zum Schreiben von Texten - und noch vieles mehr ...

Frauen tanzen

"Theater kann eine Gemeinschaft herstellen, auch wenn es eine inszenierte ist", so Mieke Matzke von She She Pop. Foto: She She Pop / Doro Tuch

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Agnes Manier: She She Pop ist ein Performance-Kollektiv, bestehend aus sechs Frauen und einem Mann, das seit über zehn Jahren kontinuierlich gemeinsam arbeitet und an vielen renommierten Häusern zu sehen ist. Wo liegen eure Anfänge?

Mieke Matzke: Zusammengeschlossen haben wir uns während des Studiums der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen. 1994 haben wir als Frauenkollektiv erste Projekte gemacht und schnell gemerkt, dass wir so weiterarbeiten wollen. 1998 haben wir uns professionalisiert. Dass wir uns auf diese Weise gegründet haben, kam bereits aus dem klaren Impuls, nicht in den klassischen Strukturen des Stadttheaters arbeiten zu wollen – mit einem Regisseur, einem Dramaturgen, einer fest hierarchisierten Arbeitsteilung. Inspiriert von Vorbildern aus der US-amerikanischen Performance-Szene haben wir neue Formen gesucht. Unser Prinzip ist, dass wir alle in allen Funktionen arbeiten.

Dass She She Pop ein Kollektiv ist, ist also Programm?

Absolut! Wir arbeiten kollektiv, vom Schreiben des Konzepts über den Entwurf einer Bühnenfigur, des Raums. Jeder schreibt seine eigenen Texte, auch Texte für andere, aber es gibt keine feste Autorenposition. Bei den Proben sitzt im Wechsel jemand außen und beobachtet, insofern gibt es keine feste Regieposition. Das ist unser Programm. Es beinhaltet auch, dass Organisationsstrukturen kollektiv beschlossen werden: von der Bezahlung bis hin zur Frage, mit wem wir zusammenarbeiten und wo unser Büro ist.

Es gibt demnach eine enge Verbindung zwischen Arbeitsweise und Ästhetik?

Ja, wie unsere Inszenierungen aussehen, hat viel damit zu tun, wie wir arbeiten. Wir arbeiten offen mit Improvisation und Interaktion mit den Zuschauern. In den Proben machen wir Aufbauten, das sind Improvisationssituationen, die zu einem frühen Zeitpunkt die Aufführung selbst simulieren. Dabei werden bestimmte Parameter wie Raum und Zeit festgelegt. Wir stellen uns gegenseitig im weitesten Sinne Improvisationsaufgaben. Einige von uns spielen, andere sehen von außen drauf, und wir entwickeln gemeinsam, was man machen kann. Wichtig ist der Perspektivwechsel zwischen beiden Positionen.

Und diese Aufgaben strukturieren später die Aufführungen?

Ja, man kann das an der Inszenierung Warum tanzt ihr nicht? zeigen, die in einem Ballsaal stattfindet. Wir spielen Songs, fordern die Zuschauer zum Tanzen auf und ziehen uns zugleich in ein Separée zurück, von wo aus wir das Geschehen im Saal über Video kommentieren. Dieses Setting geht auf erste Proben zurück: Es gab den Raum, in dem getanzt wird, und die Videokamera. Wir haben gesagt, wir sind eineinhalb Stunden in diesem Raum und sehen, was passiert. Dann merkten wir, wie gut der Aufbau mit dem Kommentieren via Kamera funktioniert. Einer solchen Grundsituation werden nach und nach weitere Elemente hinzugefügt.

An diesem Abend fällt ein Satz, der bezeichnend für eure Arbeit ist: „Wir werden alle die Deckung verlieren, es ist eine Nacht voller Möglichkeiten. Jeder muss mitmachen, egal ob man bloß zusieht, tanzt oder sich haltlos betrinkt.“ Wie würdest du das Verhältnis zwischen euch und den Zuschauern charakterisieren?

Die Idee der Interaktion ist bei uns sehr stark. Es geht immer wieder um neue Beziehungen zum Publikum, wobei wir nicht an ein authentisches Aufeinandertreffen glauben. Uns interessiert, Situationen zu schaffen, in denen der Zuschauer Erfahrungen machen kann, Entscheidungen treffen muss und so auf andere Weise involviert ist.

Ihr richtet Partituren ein, die Handlungsspielräume eröffnen, und zitiert unterschiedliche kulturelle Formate wie Quizsendungen, Familienfeste, Wettkämpfe. Wie sich der Einzelne zu einer Gruppe verhält, ist dabei oft relevant, aber ihr stellt euch auch selbst als Kollektiv in Frage.

Genau. In der Produktion Rules geht es etwa um die Frage, wie und von wem Arbeit in einer Gesellschaft organisiert wird. Wir haben eine Mannschaftssportart erfunden, die wir vor den Zuschauern spielen, und inszenieren das Theaterkollektiv als Beispiel für andere Formen des Zusammenarbeitens. Auch der Wunsch, einer Gruppe anzugehören, ist oft zentrales Thema.

Wenn ihr wie in Lagerfeuer Gemeinschaftsgefühle und Zugehörigkeit thematisiert und eine Art – natürlich nicht ungebrochener – utopischer Gemeinschaft entwerft?

Ja, es geht immer auch um die Frage, was ist das für eine Utopie, welche Sehnsüchte sind damit verbunden? Theater kann eine Gemeinschaft herstellen, auch wenn es eine inszenierte ist. Diesen Punkt versuchen wir immer wieder zu machen.

She She Pop ist gemeinsam älter geworden. Was hat sich verändert an den Strukturen, Techniken oder der Art, wie man sich Themen sucht?

Als Kollektiv schafft man sich seine Arbeitsbedingungen selbst. Umso wichtiger ist es zu reflektieren, wie diese aussehen müssen und was kontraproduktiv sein kann. Hier braucht es immer wieder ein Moment der Distanzierung. Ich würde weniger sagen, dass sich unsere Probenweise verändert hat. Aber wir überarbeiten permanent unsere Organisationsstruktur. In letzter Zeit haben wir zum Beispiel Aufgaben an Bühnen- und Kostümbildner abgegeben und machen sehr gute Erfahrung damit. Aber auch das wird jedes Mal neu verhandelt: Ist es wichtiger, Musiker zu engagieren oder jemand für die Bühne zu suchen? Solche Impulse von außen verändern unsere Arbeit. Unsere Organisationsform als etwas, was in Frage steht, ist eine dauernde Herausforderung.

Das klingt nach einem aufwändigen Verfahren. Würdest du die Arbeit im Kollektiv trotzdem auch heute empfehlen?

Auf jeden Fall! Bei einem Kongress im vergangenen Jahr wurde unsere Arbeitsform als gestrig kritisiert. Dann aber formulierte eine Rednerin, dass unser Verständnis im Grunde auf dem Prinzip Freundschaft beruht. Dem würde ich zustimmen. Natürlich verbindet man Kollektiv mit den politisch-emanzipatorischen Idealen der 60er-Jahre. Dass wir uns in den 90ern so genannt haben, war eine klare Positionierung, wohl wissend, dass der Begriff naiv-romantisierende Aspekte hat. Ich glaube aber, dass kollektive Arbeit gerade im Blick auf eine sich verändernde Arbeitswelt und die vielen Schwierigkeiten von freien Künstlern noch immer utopisches Potenzial hat. Das Kollektiv ist unser Hauptkunstprojekt. Wir haben Krankengeld, Mutterschutz und eine Form von Sozialstaat, die der Sozialstaat gerade abschafft – und die Möglichkeit selbstbestimmten Arbeitens. Natürlich ist der Grad der Selbstbestimmtheit zugleich durch das Kollektiv beschnitten, aber ich bringe es auch mit hervor. Dieses permanente Aushandeln halte ich für das utopische Moment. Insofern würde ich sagen: Ja, so schwierig und langwierig es ist, das Kollektiv ist für mich nach wie vor die ideale Arbeitsform.

 

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