11. – 13. Schuljahr

Sven Asmus-Reinsberger

Auf den Punkt

Bewerten im mündlichen Abitur

Vorbereitung ist alles: Ein gut definierter Erwartungshorizont und Bewertungsbögen vereinfachen den verdichteten Bewertungsprozess im Abitur. Zwei Beispiele aus Hamburg.

In der mündlichen Abiturprüfung verdichtet sich der Bewertungs- und Benotungsprozess auf dramatische Weise: Nach der praktischen und theoretischen Präsentation sowie dem Fachgespräch wird der Prüfling vor die Tür geschickt und die Kommission soll nun in kurzer Zeit eine Tatsachenentscheidung treffen, die dem einzelnen Schüler und der Prüfungssituation genauso gerecht wird wie dem fachlichen Anspruch und formaljuristischen Kriterien. Um hier nicht unnötig unter Druck zu geraten, ist es für die Beteiligten empfehlenswert, sich im Voraus auf die unterschiedlichen Aspekte und Anforderungen der Bewertungssituation einzustellen. 🔎
Prüfung und Bewertung
Vorbereitend wurden in der Fachkonferenz Standard-Bewertungsbögen für den Bereich Theorie und Praxis entwickelt, die dann an die jeweilige Prüfungsaufgabe angepasst werden (s. Materialblatt ). Damit der Eindruck noch frisch ist, wird der Praxisbogen zunächst von den beiden Fachlehrkräften einzeln direkt nach dem praktischen Teil der Prüfung ausgefüllt. Nach einer Besprechung wird eine Notentendenz für den praktischen Teil festgelegt, jedoch noch keine feste Teilnote, da die Prüfung als Ganzes betrachtet und bewertet werden soll.
Das Ausfüllen des Bewertungsbogens für den theoretischen Teil läuft nach dem gleichen Muster ab. Die Notenfindung erfolgt dann abschließend in der Prüfungskommission. Soweit also das Verfahren wie aber sieht das Ganze im konkreten Einzelfall aus?
Die Nachbesprechung spielpraktischer Präsentationen sollte sich weniger auf Stärken und Schwächen der darstellerischen Leistung (im Sinne einer Selbstbezichtigung, was alles schief gelaufen ist), sondern mehr auf konzeptionelle und dramaturgische Fragen sowie Bezüge zu möglichen Vorbildern aus der Theatergeschichte konzentrieren. Letztlich geht es um den Punkt, an welchen Stellen der Schüler im Vorfeld bewusst ästhetische Entscheidungen getroffen hat und welche Alternativen er erwogen und verworfen hat. Dieses Umschalten auf eine reflexive Sicht direkt nach einer spielpraktischen Präsentation ist für Schüler sehr schwierig und muss wesentlich stärker durch helfende Fragestellungen der Lehrkraft unterstützt werden als in anderen Prüfungen.
Situation 1: Die kahle Sängerin
Der Schüler hatte eine Textcollage aus Sätzen der „Kahlen Sängerin gewählt, die er mit Hilfe der Audio-Software „Audacity erstellt hatte. Die Collage bestand aus Textfetzen, Wiederholungen und Satzgeflechten, zu denen der Schüler live mit einem Mitspieler agierte. Wichtig für die Bewertung war durch die Nachbesprechung herauszufinden, inwiefern diese chorischen Elemente einem Konzept entsprachen, da dies Teil der Aufgabenstellung war. Zunächst ging es also um die fachsprachlich korrekte Beschreibung und Einordnung der gewählten Mittel. Der Schüler konnte seinen Einsatz chorischer Mittel klar benennen. Die Antworten bewegten sich hauptsächlich im Anforderungsbereich I.
Um den Anforderungsbereich II bewerten zu können, galt die nächste Nachfrage dem ziel- und aufgabenorientierten Einsatz dieser Mittel: Welche Wirkung in Bezug auf das Absurde Theater ging von seinen chorischen Mitteln aus? Der Schüler konnte hier die verwirrende Wirkung nennen, die bereits im Originaltext von Ionesco vorhanden ist, und die er im Hinblick auf die Intentionen des Absurden Theaters durch seine Satzfetzen und Wiederholungen unterstreichen wollte. Für den Anforderungsbereich III ging es um die Bewertung des eigenen Konzepts auf dem Hintergrund theoretischer und historischer Bezüge: Wäre aus der Sicht des Schülers ein Einsatz chorischer Mittel mit überwältigender, fast manipulativer Wirkung mit den Prämissen des Absurden Theaters, also einer skeptischen, individualistischen Grundhaltung, vereinbar gewesen?
Zusammengefasst kann man sagen, dass anhand einer ästhetischen Entscheidung des Schülers, die dieser selbst in der Nachbesprechung ins Spiel gebracht hatte, exemplarisch geprüft und somit auch bewertet werden konnte, wie er die drei Anforderungsbereiche bewältigt. Dies ist nur dann auf faire Weise möglich, wenn der Schüler die genannten Kriterien kennt, wenn er Nachfragen zu spielpraktischen Präsentationen aus dem Unterricht gewohnt ist und wenn der Prüfer durch die Art der Fragestellung Antworten zu allen drei Anforderungsbereichen ermöglicht.
Der Erwartungshorizont
Der Versuch der Vorbereitung auf die Ergebnisse der Abiturprüfung manifestiert sich üblicherweise im schwierig zu verfassenden Erwartungshorizont. Einige Autoren von Erwartungshorizonten bleiben aus Angst, sich (oder den Schüler) zu sehr festzulegen, so allgemein, dass sich fast keine keine Kriterien für die Bewertung ableiten lassen. Andere sind so detailliert, dass sie die Kommission in Schwierigkeiten bringen, wenn diese trotz Nichterfüllens des Erwartungshorizonts eine sehr gute Prüfung gesehen hat und bei der Bewertung den formulierten Erwartungshorizont quasi ignorieren muss. Es hat sich bewährt, zwar so konkret wie möglich zu schreiben, aber dem Erwartungshorizont einen allgemeinen Passus voranzustellen: „Grundsätzlich ist der folgende Erwartungshorizont weder streng normativ (im Sinne von ‚alles muss genau so genannt werden), noch erhebt er Anspruch auf Vollständigkeit er soll nur den inhaltlichen Rahmen abstecken, der sich aufgrund des Exposés ergibt. Methodische/gestalterische/ mediale Aspekte der Bewertung werden hier nicht gesondert benannt, da sie sich aus den ausführlichen Bewertungsbögen zu Praxis und Theorie erschließen lassen (s. Materialblatt).
Situation 2: Hamlet
Bei einer Prüfung zum „Hamlet sah der konkrete Teil in Auszügen wie folgt aus: „Der in der Prüfung vorgegebene Monolog („Sein oder Nichtsein …“) wurde in unserem Stück in Jahrgang 11 „OpheliaS, einer sehr freien Adaption von Hamlet, nur zitiert, aber nicht inhaltlich bearbeitet. Im Jahrgang 12 beschäftigte sich der Kurs anlässlich einer Eigenproduktion mit Kompositionsmerkmalen moderner Inszenierungen sowie Stilmerkmalen des Postdramatischen Theaters. Im Unterricht wurden folgende „Stilzüge kurz besprochen: Entzug der Synthesis, Traumbilder, Parataxis, Simultanität, Spiel mit der Dichte der Zeichen, Sprache als Ausstellungsobjekt (Sprachflächen), Synästhesien, Performance-Text, Musikalisierung („Theater als Musik), Einbruch des Realen. Im Exposé erwähnt der Schüler von den im Unterricht behandelten Kennzeichen die beiden relativ nah verwandten Stilzüge „Simultanität und „Spiel mit der Dichte der Zeichen sowie „Einbruch des Realen. Man merkt aber, dass der Schüler hier noch im Arbeitsprozess ist und sich die gewählten Stilzüge noch ändern könnten. Entscheidend wird hier die Begründung im Nachgespräch werden.
Der Einbruch des Realen
Nicht ganz deutlich ist bisher, was der Schüler mit seinem improvisierten Teil bezweckt. Er schreibt hierzu im Exposé „ ich habe die Möglichkeit, verschiedene Karten vor Beginn der Szene auf den Tisch der Prüfungskommission zu legen, aus denen diese nun beispielsweise ein Genre und eine Emotion auswählen kann, die ich dann im weiteren Verlauf der Szene übernehme. Die erste Überraschung zu Beginn der Prüfung bestand nun darin, dass der Schüler die Tische und Stühle der Prüfungskommission umgebaut hatte und sich die Kommission auf der Bühne befand. Nun legte uns der Schüler Briefumschläge vor, die Karten mit den Vorgaben für die Improvisation enthielten. Wir öffneten einen Umschlag, doch dieser war leer. Der Schüler entschuldigte sich, doch auch der nächste Umschlag war leer. Nun dachten wir an einen absichtlichen „Fake des Schülers, doch im weiteren Verlauf merkten wir, dass der Schüler wirklich verzweifelt war: Er suchte nach den richtigen Umschlägen in seiner Tasche, fragte, ob er zu Hause anrufen könne, und wurde immer nervöser. Als wir anfingen darüber nachzudenken, den Beginn der Prüfung aufzuschieben, fing der Schüler plötzlich mit dem Monolog „Sein oder Nichtsein …“ an. Die Situation mit den leeren Umschlägen war geplant. Es ging dem Schüler um den „Einbruch des Realen, um die elementare Irritation hinsichtlich der Prüfungssituation auf die Irritation von Hamlet hinsichtlich seiner Handlungsoptionen zu beziehen. Die Kommission war von diesem Täuschungsversuch begeistert, und das ausdrücklich, obwohl dieser Einstieg nicht im Erwartungshorizont abgebildet war.
Quintessenz: Die Entdeckung neuer Gestaltungswege, die Irritation des Zuschauers, das Nicht-Vorhersehbare gehört mit Sicherheit zum Kern des Faches Theater. Es führt aber nicht dazu, dass es keine Kriterien gibt. Im Gegenteil: Es bedarf besonderer Sorgfalt bei den Vorüberlegungen und beim Aufstellen von Kriterien und deren Vermittlung an die Schüler (s. Situation 1). Andererseits gehört zur Bewertung aber auch, Kriterien zu verwerfen oder aufgrund einer sich in der Prüfung neu ergebenden inneren Logik des ästhetischen Produkts neu zu justieren. Nur so wird man dem Schüler, der Prüfungssituation und dem Fachanspruch gerecht!
Kasten : Hintergrund: Mündliche Abiturprüfung in Hamburg
Kasten : Hintergrund: Mündliche Abiturprüfung in Hamburg
Grundsätzlich haben die Schüler (in Hamburg je nach Schule fünf bis 15 Schüler pro Abiturjahrgang) die Wahl zwischen einer mündlichen Prüfung, bei der sie die Aufgabenstellung erst am Tag der Prüfung vor Ort erfahren, und einer Präsentationsprüfung, bei der sie die Aufgabenstellung zwei Wochen vor der Prüfung zugestellt bekommen. Bei der Präsentationsprüfung können die Schüler die Themen aus den beiden Jahren der Studienstufe auch in einem Beratungsgespräch mit der Lehrkraft auf ihre Interessenschwerpunkte hin eingrenzen; der fachliche Anspruch ist somit deutlich höher als bei der herkömmlichen mündlichen Prüfung. Da sich die Schüler in den Regel für diesen Typ entscheiden, konzentriert sich der vorliegende Beitrag auf die Präsentationsprüfung.
Der praktische Teil der Präsentationsprüfung kann als Einzelprüfung oder in Gruppen von bis zu drei Spielern absolviert werden. Mitspieler können auch Schüler aus einem anderen Kurs oder Jahrgang sein, die nicht im Fach Theater Abitur machen. Eine Woche vor der Prüfung müssen die Schüler ein Exposé abgeben, auf Grundlage dessen die Theaterlehrkraft bis zwei Tage vor der Prüfung einen Erwartungshorizont erstellt und der Prüfungskommission übermittelt.
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