10. – 13. Schuljahr

Joachim Reiss

Kunst oder Schule?

Ästhetische und pädagogische Bewertung

Ästhetisch orientierter Projektunterricht und pädagogische Leistungsmessung müssen keine Gegenpole sein. An praktischen Beispielen wird gezeigt, wie Bezugsnormen verständlich werden und zu einer reflektierten Bewertung beitragen.

Dass im Schultheater die alte Trennung von Kunst und Pädagogik aufgehoben werden kann, gehört zum Selbstverständnis des Faches. Bei der Verzahnung von ästhetischem Projektunterricht und pädagogischer Leistungsmessung und -bewertung nehmen die vorgeschriebenen Klausuren eine zentrale Stellung ein. Dieser Beitrag zeigt, wie diese sinnvoll in den Gestaltungsprozess eingebaut werden können, anstatt nur Lernergebnisse zu überprüfen.
Die Projekt-Findungsphase
In einer ersten Phase bis zu den Herbstferien erwerben die Kursteilnehmer Grundlagen der Theaterarbeit, und es bildet sich eine spielfähige Gruppe, die ein gemeinsames Thema sucht und findet. Sie entscheidet sich zu diesem Thema für ein Projekt (Vorlage, Eigenproduktion oder Mischformen). In einer ersten Klausur, die bald nach den Herbstferien liegen sollte, können die Teilnehmer bereits auf gewisse Kompetenzen wie die szenische Umsetzung von Geschichten zurückgreifen. In dieser Phase des Projekts kommt es darauf an zu erkunden, was die Teilnehmer unter dem gewählten Thema verstehen, welche Erfahrungen sie damit haben und welche Aspekte und Ziele ihnen wichtig sind. Daher ist es eine prozessdienliche Klausuraufgabe, neue Geschichten zum Thema oder Stück zu finden, sie in einer Szenenbeschreibung und einem Dialog zu gestalten und sich weitere Fragen an das Thema oder das Stück zu erarbeiten. Eine solche Klausur setzt am Stand der Arbeit an, liefert zugleich Ergebnisse für den weiteren Prozess und bildet somit einen sinnvollen Bestandteil des Projekts.
Die Schüler reflektieren auf der Inhaltsebene das gewählte Thema und ihren persönlichen Bezug, sie zeigen unter anderem, ob sie ein Thema auf Geschichten, Menschen in Situationen reduzieren können und inwieweit sie Situationen dramaturgisch gestalten und ausgehend von Figuren und Rollen dialogisch formulieren können. Am Beispiel der ersten Klausur zum Projekt „Nathan der Weise und ausgewählter Rückmeldungen an die Schüler soll dies konkretisiert werden (s. Materialblatt ).
Die Bewertung kann sich nur auf diese Aufgabenstellung beziehen und nicht auf ein „richtig oder falsch fachlicher Aussagen. Zu Aufgabe 1 stellt sich also die Frage, inwiefern sich die Schülerantworten auf die bisherige Arbeit der Gruppe beziehen, die in den sechs Unterthemen zusammengefasst wird. Ebenfalls bewertungsrelevant ist die Frage, ob und inwiefern neue, subjektive Überlegungen und Kenntnisse die Erkenntnisse der Gruppe, die im Unterricht bereits diskutiert und bespielt wurden, ergänzen.
Die zentralen Fragen bei der Bewertung von Aufgabe 2 lauten dagegen: Passt die selbst gewählte Geschichte zum Thema und exemplifiziert sie es? Wird ein subjektiver Bezug sinnvoll hergestellt und ist eine persönliche Betroffenheit zu erkennen?
Wichtige Aspekte bezüglich Aufgabe 3: Bezieht sich die Szene auf das gewählte Thema und die eigene Geschichte und ist sie ein Ausschnitt daraus? Werden in der Skizze theatrale Bauprinzipien und Darstellungsmöglichkeiten beachtet, wie sie im Unterricht erprobt wurden? Wird im Dialog ein zentraler Moment der Szene erfasst und ansatzweise rollen- und situationsgerecht gestaltet?
In den ausgewählten Beispielen im folgenden Kasten finden sich Bemerkungen zu drei Klausuren, die ein Feedback geben und die Bewertung verständlich machen wollen. Es soll deutlich werden, dass Klausuraufgabe und Bewertungskriterien an der gelaufenen und kommenden Projektarbeit orientiert sind. So bezieht sich das Feedback auf den inhaltlichen Beitrag, den der Schüler zum Thema neu leistet (inwieweit die neue Geschichte zum bisherigen Thema passt, es weiterführt und erweitert). Auf der ästhetischen Ebene geht es darum, ob die vorgelegte Szene bezüglich Rollen und Dramaturgie konsistent ist, den erprobten szenischen Mustern entspricht oder sinnvoll und kreativ (aber stimmig) davon abweicht. Die Aufgaben und Bewertung der Lösungen erfassen sowohl die theatrale Gestaltung nach ästhetischen Prinzipien und die Erfindung neuer thematischer Aspekte und neuen Materials als auch die Anwendung von im Unterricht erlernten inhaltlichen und formalen Kenntnissen und Erfahrungen.
Figuren und Rollen
Die nächste Projektphase vertieft die Beschäftigung mit dem vorgefundenen oder selbst erarbeiteten szenischen und thematischen Material, um die Menge des Materials zu reduzieren und zu fokussieren, im neuen Fokus aber auch wieder zu differenzieren und kreativ zu erweitern. Da es in der Regel um große Gruppen und die Perspektive der Schüler geht, bietet sich in dieser Phase unter Umständen eine verstärkte und systematische Figurenarbeit an, um das Projekt über die Wahl von Figuren auf die Perspektive der Teilnehmer zu fokussieren. Die dabei eingeübten Techniken des Aufbaus einer Figur, etwa über Elemente, Gänge, Tempo, Rollenbiografie, Standbilder, diverse Improvisationen etc. können Gegenstand der nächsten Klausur werden. Diese Klausur ist gemäß Lehrplanvorgabe, nach dem eine Klausur durch eine Praxisprüfung ersetzt werden kann, spielpraktisch und liegt nach den Weihnachtsferien. Bewertet werden die Rollenbiografie und das Vorspiel, die Kriterien ergeben sich aus den Techniken der Figurenarbeit, der schriftlichen und spielerischen Darstellungsfähigkeit und der Gestaltung der Szene. Auch hier dient die Prüfung nicht nur der schulischen Pflichterfüllung, sondern vor allem der Entscheidungsfindung der Teilnehmer bzgl. ihrer eignen Rolle in der Produktion, der Erarbeitung szenischer Ideen und dramaturgischer Entscheidungen über das Personal des Stücks mit wichtigen Hinweisen für die weitere Projektarbeit. Die Bewertungskriterien (s. Materialblatt) machen deutlich, dass auch in dieser Klausur die pädagogische und ästhetische Dimension gleichermaßen berücksichtigt wird.
Der erhöhte zeitliche Aufwand für diese spielpraktische Klausur lohnt sich durchaus, zumal Korrekturzeit entfällt, die Bewertung erscheint transparenter und wird auch besser akzeptiert, weil die Kriterien allen bekannt sind und die Noten sich anhand der Vorspiele, die in der Regel qualitativ für sich sprechen, einer gewissen Überprüfbarkeit stellen.
Viele Schüler haben nach dieser Klausur ihre Rolle im Stück gefunden und damit ihren spezifischen und individuellen Beitrag zum Projekt definiert, der auch die Identifikation mit dem Projekt und die Motivation erhöht. Mit den kurzen Figuren-Studien wird die Gruppe vor weitere ästhetische Entscheidungen gestellt, die Auswirkungen auf viele folgende Arbeitsschritte haben, wenn manche Rollen z.B. naturalistisch, andere überzeichnet, andere formal akzentuiert gespielt werden.
Das Projekt geht nun deutlich fokussierter weiter, viel Material kann beiseite gelegt werden, es kann an Schlüsselszenen gearbeitet werden, um Darstellungsformen zu erproben und die bisherigen Entscheidungen auf die Probe zu stellen. Neue Impulse aus Theaterformen, aus der Theater- und Kunstgeschichte oder aus Texten und Theorien können eingegeben und eingearbeitet werden.
Die Inszenierungsarbeit
Um die entstehende Inszenierungskonzeption voranzutreiben, könnte sich die nächste dreistündige Klausur im Frühjahr auf bestimmte theoretische Ansätze beziehen. In der Auseinandersetzung mit Artaud, Grotowski, Brecht oder ganz anderen schafft diese Klausur einen Reflexionsraum, in dem die bisherige Arbeit aus einer neuen Perspektive betrachtet und neue Ideen für die theatrale Form, den Bühnenraum oder die Dramaturgie entstehen und schriftlich fixiert werden. Hier kann unter Bezug auf die Lehrpläne und die Anforderungsbereiche der EPA (1. kennen, können, wissen 2. anwenden, gestalten 3. Probleme lösen, reflektieren und werten) die Reproduktionsleistung (Wiedergabe eines theoretischen Ansatzes), die Transferleistung (Bezug der neuen Theorie auf das eigene Theaterprojekt) und die Reflexion und Kreativität Gegenstand der Beurteilung sein.
Den fertigen Klausuren können Lehrer und Gruppe wichtige Thesen und Vorschläge entnehmen, um gemeinsame Entscheidungen zu treffen und konzeptionelle Klarheit zu schaffen. Diese Entscheidungen gehen anschließend in die Probenarbeit ein und geben ihr eine ästhetische und pädagogisch abgesicherte Leitlinie. Auch diese Klausur, so theoretisch sie sein mag, markiert einen wichtigen Punkt im produktorientierten Projekt. Ihre Bewertung überprüft das Textverständnis, evaluiert die Fähigkeit, theoretische Überlegungen und Konzepte auf das eigene Projekt anzuwenden und zur Lösung von Problemen zu nutzen, neue Ideen zur Aufführungskonzeption zu entdecken und im Kurs sachgerechte und kreative künstlerische Entscheidungen vorzubereiten. Ein Ergebnisblatt stand den Teilnehmern nach der Klausur zur Verfügung und ordnet bestimmte Entscheidungen per Namenskürzel einzelnen Teilnehmern zu. Es unterstützt die Strukturierung der nach der Klausur anstehenden Auswertung der Ergebnisse und gibt durch die Verteilung von „Stimmen zu bestimmten Konzepten Hinweise auf die Meinungsbildung in der Gruppe, ohne Entscheidungen vorweg zu nehmen. So genügt die Klausur einerseits den pädagogischen Anforderungen einer Leistungsüberprüfung, andererseits ist sie fruchtbarer Teil des Arbeitsprozesses. Die Rückmeldung an den Kurs mittels des Ergebnisblattes lenkt die Aufmerksamkeit auf diese produktive Funktion der Klausur im Prozess der ästhetischen Gestaltungsarbeit.
Die letzte Klausur in diesem Schuljahr könnte im Zusammenhang mit der Aufführung stehen, z.B. im Sinne einer spielpraktischen Prüfung eines Teils der Proben. Zusatzkriterien könnten z.B. Probendisziplin sein und gegenseitige Hilfestellung bei Proben, beim Beschaffen von Materialien, Arbeit am Programmheft, Kreativität beim Lösen von Problemen, spielerische Präsenz, Figurentreue oder -distanz. Diese vierte Klausur könnte aber auch nach der Aufführung eine Reflexion der Inszenierung und der Zuschauerreaktionen beinhalten, etwa eine Zeitungskritik oder ein Theaterbrief oder eine Reflexion des Projekts aus der eigenen Perspektive. Hierbei kann auf die Besprechung von Aufführungen zurückgegriffen werden, die die Gruppe gemeinsam besucht hat. Auch in diesem letzten Fall formaler Leistungsbewertung fügt sich die Klausur in das Projekt ein, zu dem immer ein Feedback und eine abschließende Reflexion gehören sollte. Wenn in der Nachbetrachtung Alternativen erkannt und diskutiert werden, dann hat sogar dieser letzte schulische Leistungsnachweis eine eindeutig kreative Komponente und bestätigt die These, dass der Projektunterricht geeignet ist, Kunst und Pädagogik zu verbinden.