1. – 13. Schuljahr

Eckhard Debour

Die Gruppe als Ziel: Gruppenbildung

Eine große Anzahl von Kindern oder Jugendlichen ergibt nicht automatisch eine Gruppe. Gerade für die Theaterarbeit sind das Gruppengefüge und die Einbindung des Einzelnen in die Gemeinschaft von Bedeutung. Daher gilt es, die Gruppenfindung ins Bewusstsein zu rücken und gezielt zu gestalten.

An der Mies-van-der-Rohe-Schule in Aachen, einem Berufskolleg für Technik mit technischem Gymnasium, gibt es die Schultheatergruppe rohestheater (http://www.rohestheater.de) seit nunmehr 19 Jahren. Die Gruppe hat in dieser Zeit 23 Produktionen erarbeitet, darunter sind vier Produktionen von Ehemaligen und 19 Schultheaterproduktionen. Unsere Absicht ist es, jedes Jahr mit sich ändernden Gruppen eine Schultheaterproduktion zu erarbeiten, die dann 10- bis 15-mal zur Aufführung kommt. Die Leitung des Theaters bilden der Hausmeister Wilfried Schumacher und der Theaterlehrer Eckhard Debour. Im Laufe der Zeit haben immer wieder wechselnde Ehemalige und mittlerweile auch Kollegen den Weg zu uns gefunden und arbeiten in der Technik, bei der Ideenfindung und in der Stückentwicklung mit hohem Engagement mit.
Pädagogisches Ziel der langjährigen Arbeit ist es, Schülerinnen und Schülern eines technischen Gymnasiums im Rahmen von Arbeitsgemeinschaft und Literaturkurs die Möglichkeit zu ästhetischer Bildung zu eröffnen. Das ist auf den ersten Blick insofern ungewöhnlich, als die Profilbildung der Schule im technischen Bereich verankert ist. Dementsprechend befremdet und überrascht sind die Schüler zu Beginn und es bedarf durchaus oft der „Überredung, überhaupt am Theaterspielen teilzunehmen. Schon alleine deshalb kommt der Gruppenbildung eine besondere Bedeutung zu.
Die Anzahl der Mitglieder schwankt in der Regel zwischen 20 und 30 und das Alter der Jugendlichen liegt in der Regel zwischen 16 und 21 Jahren. Gearbeitet wird mit den Jugendlichen, die mitmachen wollen, ein „Casting oder Ähnliches findet nicht statt.
Leitsatz der Arbeit ist der Slogan: „Die Gruppe ist der Star! Deshalb gibt es aus pädagogischen Gründen auch keine Produktionen, in denen einzelne Schüler sogenannte „Hauptrollen haben und viele andere nur als Statisten fungieren. Bei uns zählt das Kollektiv, sowohl gruppendynamisch wie ästhetisch, auch wenn die Probenzeit sich dadurch für alle verlängert, da Einzelproben selten vorkommen. Vor aller inhaltlichen Arbeit steht zu Beginn einer jeden Saison der Gruppenfindungsprozess.
Vertrauen und Interaktion
Die ersten Treffen zu Schuljahresbeginn sind offen gehalten und die Beteiligten wechseln hier zum Teil noch. Sport-, Bewegungs- und Vertrauensspiele stehen dabei im Vordergrund, darüber hinaus tanzen wir viel. Die Übungen (und Das Warm-Up, Heft 1, S. 7) lassen sich vielfach variieren, oftmals spielen spontane Einfälle dabei eine herausragende Rolle. Allen Übungen ist gemein, dass wir die Erfahrungen, die wir dabei gemacht haben, im Anschluss in einem ebenerdigen Sitzkreis kurz miteinander austauschen.
Wichtig ist uns in dieser Phase, dass Schüler körperlich und geistig aktiv und konzentriert werden, der Körperkontakt spielt hierbei eine bedeutende Rolle für das zukünftige Miteinander. In der Regel spielen wir barfuß und in Sportkleidung in einem weitläufigen Raum, unserer Aula. Mit zunehmendem Verlauf schleichen sich Themen oder Textteile des neuen Stückes in die Warm-Up-Übungen ein. Wir beobachten in dieser Phase die Jugendlichen sehr genau und achten vor allem auf ihre Stärken und ihre Schwächen. Hierzu werden immer wieder kleine Inszenierungsversuche zum Thema als Aufgabe gestellt, die wir uns gegenseitig vorführen und die im Anschluss von der Gruppe und der Spielleitung kritisch gewürdigt werden. Die jeweiligen Qualitäten und Schwächen machen wir uns so bewusst und überlegen, wie wir sie für die Gruppe und unser zukünftiges Stück nutzen könnten. Auch wenn viele der präsentierten Spielideen wieder verloren gehen oder keinen Eingang in das entstehende Theaterstück finden, bleibt doch für die Gruppe die Erfahrung zurück, sich schrittweise einer mögliche Endfassung anzunähern.
Respekt und Akzeptanz
Mit der Zeit hat sich herausgestellt, dass das Nutzen vermeintlicher „Macken und Probleme der Spieler sowohl pädagogisch als auch ästhetisch große Chancen bietet. Verhaltensweisen oder körperliche Eigenschaften, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen, kaschieren oder verbergen wir nicht, sondern machen sie zum Thema. Die körperbetonten Vertrauensübungen bilden hierfür den zentralen Zugang. Baut man beispielsweise als Kleingruppe oder in Paaren „Statuen, „Standbilder, „Denkmäler oder „Schaufensterpuppen etc. zum Thema, berühren sich die Schüler und verlieren dabei die Scheu voreinander. Gleichzeitig versuchen sie als Gestaltende, einen ästhetischen Ausdruck für jeden einzelnen oder die Gruppenkonstellationen zu finden. Dann fällt ihnen auf, dass z.B. starkes Über- oder Untergewicht auf der Bühne „ausgestellt durchaus eindrucksvoll sein kann. Gleiches gilt auch für körperliche Einschränkungen. Ein ungewolltes Stottern etwa kann man gezielt zum Einsatz bringen, obwohl dabei die Möglichkeit besteht, dass es sich mit der Zeit verflüchtigt.
Auf dem freien Raum der Bühne kann man sich also so in einer Rolle präsentieren, wie man es in seiner „eigenen Haut nicht tun würde. Dabei handelt es sich natürlich um eine Gratwanderung, die gut von dem Theaterlehrer abgewogen werden muss, damit es nicht zu einer Bloßstellung einzelner Schüler kommt. Dafür entscheidend ist ein von Respekt und Offenheit geprägtes Gruppengefüge. Es bietet den Schauspielern, aufgehoben in der sie tragenden Gruppe, die Gelegenheit, ihre Schwächen zu Stärken werden zu lassen. Hierbei kommt es durchaus zu Grenzüberschreitungen, die in der Regel das Selbstvertrauen der Beteiligten stärken. Die späteren Text- bzw. Rollenzuweisungen versuchen, diese individuellen Qualitäten aufzugreifen, sodass sie dann auch vor dem Publikum Bestand haben. Um es einmal programmatisch mit Georg Büchners „Lenz zu sagen: „Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzelnen einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich seyn, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tieferen Eindruck als die bloße Empfindung des Schönen und man kann die Gestalten aus sich heraustreten lassen, ohne etwas vom Äußeren hinein zu kopieren …“
Individuum und Kollektiv
Es fördert die Gruppenbildung, wenn von vornherein klar ist, dass das Bühnengeschehen in unseren Produktionen vor allem über die Gruppenchoreographie geprägt wird und es daher Einzelrollen nach Stückvorlage zu Beginn der Probenarbeit nicht geben wird. Hier gibt es immer wieder das Problem, dass die Schüler in der Regel Theater als naturalistisches Verkleidungs- und Rollenspiel des einzelnen begreifen. Die in unserer Spielform schon erfahreneren Spieler erhalten nun in einem ersten Schritt die Aufgabe, diese Sichtweise zu verändern, indem sie mit den Anfängern abstraktere Spielformen durch kleine Inszenierungsversuche mit möglichen Textteilen zum Thema suchen. Alters- oder geschlechtsspezifische Probleme in der Rollenbesetzung werden dann den Personen angepasst, nicht umgekehrt. Hierbei sind Abstraktion und Rollensplitting (z.B. Mehrfachbesetzung einer Figur, Neutralisierung der rollenspezifischen äußeren Erscheinung durch Gruppenkostümierung, abstrakte Figuren- und Requisitengestaltung in flexibler Verwendung, reduzierte Accessoires, die die Figuren charakterisieren, Textbrüche oder -schnitte usw.) ein probates Mittel.
Aber auch Gruppenchoreographien leben von individuellen Figurengestaltungen und der Erarbeitungsprozess muss diesbezüglich immer wieder reflektiert werden. Deshalb werden in einem zweiten Schritt die vorher „zur Schau gestellten Eigenarten der Schauspieler wieder aufgegriffen, sodass nun die bewusste, individuelle Figurengestaltung der Schüler große Bedeutung erlangt, um figurativ-naturalistisches Spiel mit dem abstrakten Gruppentheater zu versöhnen. Hierbei helfen Übungen zur Anverwandlung des Stoffes jedweder Art, wie Monologe, Dialoge oder Briefe aus der Rolle heraus einem fiktiven Partner gegenüber, Aufspüren von biographischen Situationen, die zum Thema des Stückes führen usw.
Darüber hinaus sind körperliche und personale Präsenz sowie spielerische Freiheit wesentlich, um die Kraft der Gruppe wie des Einzelnen auf die Bühne zu bringen und Lebendigkeit zu erzeugen.
Kontinuität und Partizipation
Dadurch, dass das entstehende Stück immer auf die Mitwirkung aller aufgebaut ist, erhält jeder auch das Gefühl der Notwendigkeit, da ohne ihn die Szenen mit den anderen nicht gespielt werden können. So wird jedem Spieler seine Bedeutsamkeit für die Gruppe bewusst und ein Verantwortungsgefühl gestärkt. Die Herausforderung besteht dabei allerdings darin, dass bei den Proben alle immer da sein sollten, ja müssen. Natürlich birgt das für die Spielleitung ebenfalls einen hohen Stressfaktor, da die erste Frage bei jeder Probe lautet: „Seid ihr alle da?
Zur wöchentlichen Arbeitszeit kommen noch vier Probenwochenenden hinzu, die für den Erarbeitungs- aber auch für den Gruppenfindungsprozess von großer Bedeutung sind, da hier einmal überwiegend ungestört über einen längeren Zeitraum gearbeitet werden kann. Dann übernachten wir in der Schule und das Essen wird von den Beteiligten selbst organisiert. Bei aller Intensität und Anstrengung sind es gerade die Probenwochenenden, die ein Highlight für die Jugendlichen darstellen, da die Schule nun zum Ort eigener Freizeitgestaltung wird und so den institutionellen Charakter des Schulalltags verliert. Auch stellen sich vor allem zu diesen Zeiten immer wieder weitere Ehemalige ein, die den Arbeits- und Freizeitprozess immer wieder gerne mal mehr, mal weniger produktiv „begleiten.
Ziel und Würdigung
Ein abschließender Faktor für einen guten gruppendynamischen Prozess ist nicht zuletzt die Produkt- oder Ergebnisorientiertheit in der Arbeit. Zwar ist der Weg wesentlich in der (Gruppen-)Arbeit, er ersetzt jedoch nicht das Ziel. Deshalb wird schon nach den ersten fünf oder sechs Proben ein Zeitplan für die zukünftigen Proben und Probenwochenenden sowie die geplanten Aufführungen erstellt. Spätestens am vierten Probenwochenende wird ein Durchlauf mit Video aufgenommen, der den erreichten Arbeitsstand dokumentiert und oftmals als Bewerbungsvideo für Festivals genutzt wird. Wir wollen am Ende eine Aufführung mit sich anschließender Diskussionsrunde mit dem Publikum, die den Arbeits- und den Gruppenprozess abschließt. Reflexionsphasen während der Arbeit greifen die Situation der zukünftigen Diskussionsrunden deshalb gezielt auf. Am Ende steht die Gruppe für ihre Arbeit ein und dem Publikum Rede und Antwort.
Der Applaus für Präsentation und Reflexion sind der Lohn für die gemeinsame, einjährige Arbeit. Die Entgegennahme des Applauses geschieht bei uns konsequenterweise immer als Gruppe, als Gruppe von Technikern und Schauspielern, von denen keiner hervorgehoben wird, wodurch die Bedeutung der Gruppe abschließend unterstrichen wird.