1. – 13. Schuljahr

Kristina Kalb

Das Warm-Up

Oft wollen Schülerinnen und Schüler sofort Theaterspielen, auf die Bühne treten und loslegen mit der großen Rolle. Für den Spielleiter ist es also verlockend, seine Schauspieler kalt auf die Bühne zu schicken. Aber ein gut strukturiertes Warm-Up ist aus vielerlei Hinsicht ein elementarer Baustein der Theaterarbeit.

Warum bedarf es überhaupt eines Aufwärmens? Schon ein kurzes Brainstorming und ein Blick in die einschlägige Theaterliteratur machen die vielschichtigen Aspekte deutlich: Spaß, Kontakt, Abbau von Hemmungen, Eisbrecher, Kennenlernen, Motivation, Berührung, Bereitschaft, Freude, Warmwerden, Sensibilisierung, Kooperation, Gestaltung, Spiel Die Reihe lässt sich leicht fortsetzen. Doch das Aufwärmen darf keine beliebige Sammlung von Übungen darstellen, sondern sollte sinnvoll strukturiert und aufeinander aufbauend sein.
Einen Übergang schaffen
Beginnt die Theaterstunde, betreten die Schüler damit auch einen ganz anderen Raum. Sie treten aus dem Alltag heraus in den Schonraum des Spiels ein. Dies sollte auch äußerlich gekennzeichnet werden zunächst durch Umziehen. Schuhe werden ausgezogen, Theaterklamotten an möglichst solche, die bequem sind, dreckig werden dürfen und nicht ständig zurechtgerückt werden müssen. Schmuck, Uhren, persönliche Gegenstände werden abgelegt, nicht nur um die Verletzungsgefahr zu reduzieren, sondern vor allem als äußeres Zeichen, dass man bereit ist, sich einzulassen auf das Spiel.
In vielen Schulen gibt es nicht die Möglichkeit, in einem Theaterraum zu proben , oft ist es ein Klassenzimmer oder die Aula. Daher gehört es auch dazu, den Raum von Tischen und Stühlen freizuräumen auch dies ist ein äußeres Zeichen, sich einen neuen, gemeinsamen Raum zu schaffen.
Den Körper vorbereiten
Neben Kleidung und Raum muss aber vor allem der Körper eingestellt werden, denn er ist das zentrale Ausdrucks- und Gestaltungsmittel des Theaters. Aber es geht noch um mehr: Man muss versuchen, jeden Einzelnen aus seinem Alltag herauszuziehen (schlechte Note, Ärger mit einem Lehrer, Liebeskummer ) und ihm die Chance geben, sich einzulassen, sich zu trauen, den Körper beginnen zu spüren und dazu auch zu stehen. Ganz wichtig ist dabei natürlich auch die Gruppe. Sie muss ganz am Anfang gebildet, dann etabliert und dabei in ihren Strukturen gefestigt werden. Theater braucht immer soziales Verhalten, verantwortliches Handeln: „Die Gruppe als soziale Einheit prägt die Arbeits- und Kommunikationsform im Theaterprozess. Der Regisseur Peter Brook beschreibt diese Gruppenqualität so: „Im Theater kann man zum Glück nichts alleine machen. Vorbereiten heißt zusammenarbeiten, spielen heißt teilen. (Brook 1996, S. 5, in: Sting 2005, S. 143) Kinder und Jugendliche brauchen und lieben Rituale, denn diese definieren die Gruppe und geben zudem Sicherheit. Davon sind zum Glück selbst Oberstufenschüler nicht frei. Bestimmte wiederkehrende Übungen werden von Schülerinnen und Schülern auch eingefordert. Oftmals werden Lieblingsübungen oder ganze Sequenzen als gruppenspezifisch empfunden und sie dürfen auch als identitätsstiftend stehengelassen werden.
Bevor eine Gruppe mit der gemeinsamen Arbeit beginnt, sollte vereinbart werden, dass man aus einer Übung „aussteigen darf. Allerdings sollte der Teilnehmer nach der Übung der Gruppe immer kurz erklären, warum er die Übung nicht durchführen konnte oder wollte. Ein wichtiger Grundsatz lautet: Zeit lassen! Das gilt zunächst für die Übungen selbst. Es sollte keinesfalls zu schnell gewechselt oder mit der nächsten Übung begonnen werden. Im Anschluss an einige Übungen wird man merken, dass die Teilnehmer Redebedarf haben und sich über die gerade gemachten Erfahrungen austauschen möchten. Auch dafür muss dann Raum und Zeit sein; sei es in einem Blitzlicht, einem kurzen Gespräch im Doppelkreis oder auch einfach mit dem letzten Spielpartner. Der Spielleiter sollte eine einfache, konkrete Fragestellung („Wie fühlst du dich gerade?, „Wie war die Übung für dich?) und ein Zeitlimit vorgeben, um zu verhindern, dass der Trainings- und Aufwärmfluss zu lange unterbrochen wird.
Kennenlernen und Warmwerden
Übungen aus der Kategorie sind vor allem wichtig für Gruppen, die sich noch nicht kennen. Treffen die theaterinteressierten Schüler zum ersten Mal aufeinander, kann man nicht annehmen, dass sie sich alle namentlich kennen. Daher sind Kennenlernspiele, bei denen man die Namen lernen, aber auch schon erste Charaktereigenschaften wahrnehmen kann, sehr wichtig Kennenlernen (s. Material 1 ). Danach geht es um das physische Aufwärmen. Bei eingespielten Gruppen kann man mit diesen Übungen beginnen. Wie im Sport spielt zunächst der Aspekt der Sicherheit eine Rolle: Die Muskeln müssen aufgewärmt und damit weniger verletzungsanfällig gemacht werden. Aber es geht auch hier schon um Vorstellungskraft, um Fantasie und Spiel ( Warmwerden, Material 1).
Vertrauen aufbauen und als Team agieren
Vieles im Theater erfordert Mut und Überwindung. Auf der Bühne zu stehen und zu spielen, ist immer auch eine Form der Entäußerung. Schüler können sich darauf nur einlassen, wenn sie in der Gruppe getragen und aufgefangen werden, wenn sich jeder blind auf seinen Mitspieler verlassen kann. Vertrauensübungen (s. Material 1) ermöglichen sehr intensive Erfahrungen und sind für den Gruppenbildungsprozess unabdingbar. Insbesondere bei Partnerübungen kommen sich die Teilnehmer häufig sehr nahe: Sie müssen sich halten, stützen, führen und aufeinander verlassen. Das setzt Vertrauen voraus und fällt unerfahrenen Spielern häufig schwer. Unsicherheiten lassen sich leicht erkennen: Die Spieler lachen und reden, der Partnerwechsel wird selbstständig und zu schnell vorgenommen, Übungen werden vorzeitig beendet. Der Spielleiter sollte daher immer wieder die Regeln deutlich machen: nicht sprechen; der Spielleiter gibt die Zeit und den Partnerwechsel vor.
Auch beim Gehen im Raum wird die Wahrnehmung des eigenen und des anderen Körpers geschärft. Es ist daher zu jeder Phase eines Produktionsprozesses essentiell ( Wahrnehmung Bewegung im Raum, S. Material 2 ). Ist die Rollenvergabe bereits erfolgt, sollten die Spieler in diesen Übungen auch den spezifischen Gang ihrer Figur ausprobieren, variieren und einstudieren. Mit verschiedener Musik können ganz unterschiedliche Stimmungen erzeugt werden, sie hilft den Spielern auch als Stütze für ihre Bewegungen.
Kooperation ist für das Theaterspiel in der Gruppe grundlegend ( Teamarbeit, s. Material 2 ). Dazu gehört, die Bewegungen und Aktionen des Gegenübers nicht nur bewusst wahrzunehmen, sondern auch darauf zu reagieren. Beispielsweise für die Stockübungen benötigen die Spieler selbst viel Konzentration, zum anderen aber auch immer einen aufmerksamen Partner. Werden die Übungen zum ersten Mal in einer Gruppe durchgeführt, wird man merken, wie oft Stöcke zu Boden fallen. Je öfter die Stöcke eingesetzt werden und je besser sich eine Gruppe kennt, desto seltener wird dies der Fall sein ein Zeichen dafür, dass die einzelnen Spieler gelernt haben, sich und ihre Mitspieler einzuschätzen und die Gruppe einen gemeinsamen Grundrhythmus gefunden hat.
An das Warm-Up anknüpfen
Die Liste an Übungen sollte nur als Anregung verstanden werden. Niemals dürfen alle Übungen stur nacheinander „abgearbeitet werden. Sinnvoll ist jedoch, dass Übungen aus jeder Kategorie aufgenommen werden – abgestimmt auf die Altersgruppe und die individuellen Bedürfnisse der Gruppe.
Dennoch ist es manchmal ein mühsamer Kampf des Spielleiters, das Warm-Up einzufordern, es als essentiellen Teil des Theaterunterrichts zu etablieren und die Wichtigkeit deutlich zu machen. Hier lohnt es sich zu vermitteln, dass Übungen aus dem Warm-Up auch dazu dienen, einen Ideenfundus anzulegen. Oft entstehen aus Übungen Spielideen, die dann in einer Produktion übernommen oder zumindest als Ausgangspunkt für die Gestaltung einer Szene verwendet werden können. Und die Schüler sind meistens erst dann wirklich überzeugt, wenn sie zum ersten Mal tatsächlich eine Übung in ihr Spiel einbauen können und wenn sie merken, dass die Erinnerung ihres Körpers an eine Situation oder eine Übung im Warm-Up ihnen eine Brücke auf der Bühne baut und sie zu besseren Schauspielern werden lässt. Es ist also deutlich zu machen, dass die Übungen auf das langfristige Ziel hinführen und Teil des Arbeits-Prozesses sind und nicht einen Selbstzweck erfüllen. Für den Spielleiter bedeutet das, dass bei den Planungen also auch die ästhetische Seite von Übungen in Betracht gezogen werden muss.
Kasten: Didaktisch-Methodische Hinweise
Kasten: Didaktisch-Methodische Hinweise
Die Rolle des Spielleiters
Der Spielleiter sollte wissen, was man bei den Übungen am und mit dem eigenen Körper erlebt, damit man die Schüler verstehen, Reaktionen richtig einschätzen und manches auch schon vorentlasten kann. Deswegen ist es sinnvoll, im Vorfeld in die Rolle des Schülers zu schlüpfen und die Übungen auszuprobieren, z.B. im Rahmen von Seminaren und Workshops.
Der Spielleiter sollte präzise Anweisungen geben, ansonsten wird es immer wieder zu Nachfragen kommen, die u.U. den Arbeitsprozess unterbrechen. Er sollte sich grundsätzlich heraushalten. Das heißt aber nicht, dass es nicht manchmal sinnvoll ist, eine Übung vorzumachen. Das erspart oftmals viele Worte und es kann die Spieler sicher auch anspornen, wenn der Spielleiter selbst sich auch „zum Affen macht. Warm-Ups geben dem Spielleiter zudem die Möglichkeit, einzelne Teile von Schülern übernehmen zu lassen, oder sogar die Leitung ganz abzugeben. Die Schüler lernen dadurch, präzise Anleitungen zu geben, zu korrigieren und auch mit der zeitweiligen Leitungsrolle umzugehen. Manchmal kann man als Spielleiter sogar vom Ideenreichtum und dem Erfahrungsschatz der Schüler enorm profitieren, denn einige von ihnen besuchen Theaterworkshops oder sind Mitglied im Theaterclub und bringen neue Spiele und Impulse mit in die Gruppe.
Der Spielleiter sollte seine Gruppe immer genau beobachten und darauf achten, dass die Übungen sorgfältig und konzentriert ausgeführt werden. Sollte es nötig sein, kann er dezent eingreifen und korrigieren. Das setzt voraus, dass er sich vorher durch Nachfrage versichert hat, dass er die Spieler anfassen darf.
Der Spielleiter sollte immer die Anzahl der Spieler bei der Gruppeneinteilung berücksichtigen, sodass niemand allein dasteht. Wenn beispielsweise bereits vorher gesagt wird, dass es auch eine Vierergruppe unter den Dreiergruppen gibt, dann finden alle Anschluss. Die Übung muss dann etwas variiert werden oder die Teilnehmer der größeren Gruppe wechseln einmal mehr durch.
Altersdifferenzierung
Grundsätzlich können alle hier beschriebenen Übungen mit Schülern aller Altersstufen durchgeführt werden. Bedenken sollte man allerdings, dass es bei 4. – 6.-Klässlern sehr lange dauern kann, bis Mädchen und Jungen bereit sind, sich auch mal zu berühren. Die Konzentrationsspanne ist bei jüngeren Schülern natürlich kürzer, daher sollte man vor allem bei Vertrauensübungen und bei allen Übungen mit den Stöcken vorher abwägen, ob sie mit einer Gruppe durchführbar sind oder ggf. selbst mehr Hilfestellung geben.
Literatur
Linck, Dieter: Das Drama des Spielers, in: Liebau, Eckart/Linck, Dieter/u.a. (Hg.): Grundrisse des Schultheaters. Pädagogische und ästhetische Grundlegung des Darstellenden Spiels in der Schule. Weinheim und München 2005.
Schlünzen, Wulf: Grundlagenarbeit in der theaterpädagogischen Praxis/Freies Schultheater, in: Lippert, Elionor (Hg.): TheaterSpielen (Band 12 der Reihe Themen Texte Interpretationen). Bamberg 1998.
Stanislawskij, Konstantin S.: Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst, 2. Band. Berlin 1963.
Sting, Wolfgang: „Spiel Szene Bildung. Zum Verhältnis von künstlerischer Praxis und ästhetischer Bildung, in: Eckart Liebau, Dieter Linck u.a. (Hg.), Grundrisse des Schultheaters. Pädagogische und ästhetische Grundlegung des Darstellenden Spiels in der Schule. Junventa Verlag, Weinheim und München 2005, S. 137148.