5. – 13. Schuljahr

Sebastian Roser

Der Papercut

Mit Papierbögen Masken und Theaterfiguren bauen

Eine in der Schule leicht umzusetzende Methode für die Herstellung von Theatermasken und -puppen ist das Papiermodellbauverfahren. Die mittels Knicken, Biegen und Kleben aus Papier oder Pappe entstandenen Formen lassen sich bemalen, bekleben oder als Grundlage für eine weitere Beschichtung verwenden.

🔎 Masken und Theaterfiguren (z.B. Hand-, Stab-, Fadenpuppe) haben eines gemeinsam: Sie sind Skulpturen, mit denen durch geführte Bewegung konzentrierte Gestik vermittelt und Ausdruck erzeugt wird. Sie sind figurale Handlungsträger auf der Bühne, die den Zuschauer die Existenz ihres Spielers vergessen lassen und die Aufmerksamkeit ganz auf die gespielte Figur ziehen.
Der Gestalter von Maske oder Theaterfigur greift häufig auf Stereotypen zurück. Überbetonung und Karikierung lösen spontanes Erkennen von vermeintlichen charakterlichen Eigenschaften aus. Masken als Rollenverkörperungen können daher auch nur von einem im spezifischen kulturellen Kanon sozialisierten Publikum richtig interpretiert werden.
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Das wird gebraucht:
  • DIN-A4-Papier (200g/m²), Zeichenkarton, Fotokarton oder Pappe in größeren Formaten (bei DIN-A3 mindestens 300g/m²)
  • Schere, Skalpell, Schneidematte, Geodreieck, Falzbein, Riller (dicke Stricknadel); evtl. Stahllineal, Zackenschere
  • Kleber, Farben, Imprägniermittel
  • Evtl. Gewebefüller, Nesselstoff (180g/m²), Weißleim, Sägemehl
Maske und Theaterfigur im Schultheater
Kindern und Jugendlichen kann die Verwendung eines Spielmediums Maske oder Theaterfigur helfen, die Hemmungen, in eine Rolle zu schlüpfen, zu überwinden. Mit einer Maske oder Figur wird die Rolle zunächst im wahrsten Sinn des Wortes „auf Abstand gehalten, bevor allmählich die Identifikation mit ihr einsetzt.
Größe und Spieltechnik der Spielfigur hängen vom beabsichtigten Einsatz ab, der von einer Fingerpuppe auf einer Spielleiste bis zur monumentalen Stabfigur à la Bread and Puppet Theatre im Straßentheater reichen kann.
Je komplexer die Rolle, desto intensiver muss die Maske oder Figur ausgearbeitet sein, wenn auch nicht im Sinne eines platten Naturalismus. Perchtenmasken die traditionellen Masken in Bayern und Österreich, die unterschiedliche Charaktere darstellen mit ihren eindeutigen, starren und klischeehaften Rollenzuweisungen können in ihren Merkmalen wesentlich übertriebener geschnitzt und gefasst werden als eine japanische No-Maske, deren Wirkung von einer für europäische Augen kaum in angemessener Tiefe wahrnehmbaren Ausdifferenzierung der mimischen Nuancen herrührt.
Dieser bildnerische und funktionelle Anspruch bildet für Schultheaterprojekte auf den ersten Blick eine fast zu hohe Hürde. Wie alle bildhauerischen Techniken erfordert auch die Herstellung von Masken und Theaterfiguren einen soliden handwerklichen Hintergrund, den allgemeinbildende Schulen in aller Regel nicht vermitteln. Selbst einfache Verfahren wie Modellieren mit Ton oder Plastilin und anschließendem Kaschieren mit Papier, Stoff oder Gipsbinden sind meist zeitaufwendig; das Schnitzen von Masken ist in der Schule zumeist erst recht nicht möglich. Eine gut für die schulische Arbeit geeignete Methode ist dagegen der Papercut: das Herstellen von Masken und Theaterfiguren mittels Papierschnittbögen.
Papier als Modellbaumaterial
Ausgehend von den bekannten Kartonmodellbaubögen, aus denen Generationen von Kindern Schiffs- und Maschinenmodelle, Häuser und Ritterburgen bastelten, entwickelte der Puppenspieler Albrecht Roser um 1964 unter dem Druck einer extrem eng terminierten Fernsehproduktion eine Methode, Puppenköpfe und ganze Stabfiguren aus steifem Papier, etwa Fotokarton, zu gestalten.
Papier bringt mehrere für den Modellbau nützliche Eigenschaften mit. Es ist von faseriger, zäher Struktur, bildet eine gerade, gespannte Fläche, die gebogen werden kann, lässt sich aber auch knicken und behält die Form. Es kann mit handelsüblichen Klebern verbunden werden. Es lässt sich darauf zeichnen und malen. Nur wenn es feucht wird, verliert es einen Teil dieser Eigenschaften.
Das benötigte Werkzeug dürfte in jeder Schule vorrätig sein: Schere, Skalpell, Schneidematte, Geodreieck, Falzbein und Riller (dicke Stricknadel) reichen aus, zusätzlich nützlich können Stahllineal und Zackenschere sein.
Diese spezielle Baumethode, der „Papercut, geht rein von der räumlichen Form aus und kommt in der Entwicklungsphase ohne illustrierende Farbigkeit oder Applikationen aus. Der Begriff leitete sich aus der Ähnlichkeit der Vorlagen mit Schnittmustern in der Schneiderei ab. Mit der Technik der Modellbaubögen lassen sich, den Gesetzen der Geometrie folgend, so gut wie alle Formen herstellen. Dreidimensionalität kann einerseits mittels eines Gitters („mesh) hergestellt werden, das das Papier in Flächen teilt, die durch Knicke voneinander abgeteilt werden, andererseits lassen sich Rundungen, etwa zylindrische Formen und Kegel, durch Biegen des Papiers erzeugen. Von diesen wenigen Grundformen leiten sich alle weiteren Differenzierungen ab.
Möglichkeiten der Papercut-Methode
Die Arbeit mit der Papercut-Methode kann mit nahezu jeder Altersstufe erfolgreich bewältigt werden. Die jüngeren Kinder, die von der Umsetzung eines abstrakten Entwurfs in ein räumliches Gebilde überfordert wären, lernen anhand von erprobten einfachen Modellen die handwerklichen Anforderungen kennen. Exaktes Ausschneiden mit der Schere oder dem Skalpell, das Nachzeichnen der späteren Knicklinien mit dem Riller und exaktes Kleben sind die ersten und grundlegenden Techniken, die geübt werden müssen.
Sobald ein Gespür für die Möglichkeiten des Materials entwickelt ist, entfalten sich weite Räume zum Modifizieren bestehender und Entwickeln neuer Formideen.
In verschiedenen Kursen zu dieser Methode entstand ein Pool von Vorlagen, die immer weiter entwickelt werden. Ein besonders schönes Beispiel ist die kleine Porträtmaske eines Kindes. In der Gegenüberstellung mit der Maske einer jungen Frau kann man die geringen Änderungen am Schnittmuster erkennen, um einen völlig anderen Eindruck zu erreichen (s. Abb. 1a und 1b 🔎 ).
Entwurfsprozess
Naturformen lassen sich gut mithilfe von Vereinfachungen erfassen und wiedergeben. Alle abbildende Kunst beruht auf dem Weglassen des „Unwichtigen.
Betrachten wir beispielsweise den Kopf eines Eisvogels, fallen uns der lange, dünne Schnabel und der runde Kopf auf. Mit einem Blatt Papier, das in Längsrichtung bis zur Mitte gefaltet und gegenüberliegend zweimal diagonal eingeschnitten wird, lässt sich nach dem Falten und Schneiden der Schnabellinien aus dem ganzen Blatt ein plausibles Modell für die Helmmaske eines Vogels herstellen (s. Abb. 2a bis 2e 🔎 ).
Damit ist schon das Wesentliche über den Entwurfsvorgang gesagt: Der Maskenbauer sucht spielerisch vereinfachende Formen. Das fällt bei Tieren eventuell leichter als bei menschlichen Gesichtern, aber das Prinzip ist das gleiche.
Parallel zur Auseinandersetzung mit der Form laufen die Überlegungen zur Rollencharakteristik. Die Maske lebt von der Bewegung, die die Körpersprache ihres Trägers „maskiert. Mehr als im Schauspiel, das eher von der gesprochenen Sprache bestimmt wird, sind Gestus und Körpersprache vorrangig. Außer bei Halb- und Helmmasken sowie im Figurentheater wird das Sprechen von einer Maske in der Regel behindert. Die Eigenmimik entfällt, die Mimik der Maske ist auf große Formen reduziert. Sprechen und Bewegen können beim Masken- und Figurenspiel sogar getrennt werden, das heißt zum Interpreten der Bewegung kommt der Dialog aus dem Off.
Wird in der Entwicklung einer Inszenierung nach einer Rolle gesucht, eröffnet der Entwurf einer Papercut-Maske dadurch, dass sie sich leicht abwandeln lässt, ein breites Experimentierfeld. Immer neue Varianten des Ausgangsentwurfs erlauben das schrittweise Annähern an eine gesuchte Ausformung wie kaum ein anderes bildhauerisches Verfahren.
Skalierbarkeit
Das Papiermodell wird zunächst auf einem DIN-A4-Blatt ausprobiert und entworfen, da dies eine leicht handhabbare Größe ist; kleinere Papierformate erschweren die saubere Ausarbeitung von Details, größere erfordern stärkeres und damit teureres Material.
Im Unterschied zu anderen plastischen Verfahren ist das Papiermodell einfach reproduzierbar. Per Fotokopie oder digitaler Bildbearbeitung lassen die Schnittmuster oder Vorlagenschablonen mühelos vergrößern oder verkleinern und gelten damit für jede gewünschte Dimension der späteren Ausführung. Aus einem kleinen, puppengroßen Gesicht aus einem A4-Blatt kann mühelos eine Maske für einen Spieler oder, noch größer, eine monumentale Helmmaske generiert werden.
Liegt erst einmal ein gültiger Entwurf vor, zeichnet man zunächst eine halbseitige Schablone, sofern es um einen symmetrischen Entwurf geht, oder eine doppelseitige für eine asymmetrische Ausformung.
Die Papierstärke richtet sich nach der gewünschten Größe, das heißt, bei einem A4-Blatt ist ein Papiergewicht von 200g/m² ausreichend, für ein A3-Blatt sind 300g/m² das Minimum. Es sollte grundsätzlich langfaseriges Papier wie Zeichen- oder Fotokarton gewählt werden. Moderne Druckpapiere mit extrem glatter Oberfläche sind meist kurzfaserig und brechen daher an Knicken leichter, wenn Spannung durch Biegen oder Stauchen angelegt wird.
Bau
Noch vor dem Ausschneiden werden spätere Knicklinien mit dem Riller in den Karton graviert. Durch das Rillen wird der Karton gequetscht nicht angeritzt! und knickt später bei Bedarf exakt entlang der so behandelten Linie, so wie wir es von vorgestanzten Pappen kennen. Ohne diese Rillen können komplexe Formen nur schwer in das Modell gedrückt werden.
Ebenfalls noch vor dem Ausschneiden sollte überlegt werden, wie die Nähte verbunden werden: durch überlappendes Kleben mit einer Lasche oder bündig durch Hinterkleben mit einem Streifen. Letztere Methode ist die genauere und im Falle einer Stoffkaschierung (s.u.) notwendig, um auffallende Klebekanten zu vermeiden.
Zur Verstärkung des Kartonmodells wird am besten dünner Nesselstoff (180g/m²) verwendet. Das Schnittmuster des Papiermodells wird besonders an den offenen Kanten soweit vergrößert, dass ein Umfassen der Papierkante möglich ist.
Das Kartonmodell wird mit handelsüblichen Imprägniermitteln auf Lösemittelbasis (Schelllack oder Zelluloselack) gegen eindringende Feuchtigkeit stabilisiert. Die Verklebung muss stabil gegen das Isoliermittel sein, es sei denn, dass dieses erst nach dem Zusammenfügen des Modells aufgetragen wird. Anschließend wird der Karton mit einem Gewebefüller dick beschichtet und der vorbereitete dünne Nesselstoff sorgfältig aufgepresst. Stoff, Gewebefüller und Kartonoberfläche gehen nach einer Trockenzeit von vier Stunden eine kaum mehr zerstörbare Verbindung ein. Anschließend wird die Oberfläche mehrschichtig besandet, indem Weißleim aufgestrichen und auf den feuchten Leim Sägemehl aufgesiebt wird. Es entsteht eine dünne, schleif- und bemalbare Oberfläche. Dieses Verbundmaterial hält nahezu jeder Bühnenbeanspruchung mühelos stand.
Weitere Beispiele für Papercut-Masken: 🔎 🔎 🔎
Nicht nur Masken, auch Hand- und Stabpuppen lassen sich aus Karton gestalten.
Foto: Sebastian Roser
Abb. 1a, 1b: Die Maske der Solveig aus Peer Gynt (20002, Regensburg, Stadttheater) und des „Alibaba“ von Julia Sieg aus einem Sommerkurs 2004 in Cham. Die Schnittmuster sind ohne Klebelaschen dargestellt, also für hinterklebende Fügung vorbereitet.
Abb.: Sebastian Roser
Abb. 2a – e: Der Eisvogel als Helmmaske: Entscheidende Merkmale sind der lange Schnabel und der runde Kopf, sie lassen sich vereinfacht gut auf eine Papercut-Maske übertragen.
Fotos: Sebastian Roser
Abb. 3a, 3b: Eine der einfachsten Formen ist die Eule, hier mit Klebelaschen.
Foto und Abbildung: Sebastian Roser
Abb. 4a – 4d: Zwei der besonderen Möglichkeiten des Papiermodells waren in der Produktion „Archipelago of Delight“ des Rand-Theaters an der University of Massachusetts, Amherst (MA), essenziell: die Herstellung von identischen Formen, wie die Lauffiguren der „Rabbits“, und die Herstellung der großen Hauptfiguren „Male and Female Stoneage“ als Vergrößerungen von kleinen Papiermodellen. Abb. 4a zeigt eine Halbschablone zum direkten Durchzeichnen mit Markierungen für Knicke und Klebelinien.
Fotos und Abbildungen: Sebastian Roser
Abb. 5a, 5b: Die einfache serielle Reproduzierbarkeit half bei der Theaterproduktion „Die Schlange mit den 7 Köpfen“, die Schlangenköpfe neben dem laufenden Unterricht zu produzieren.
Foto und Abbildung: Sebastian Roser