1. – 13. Schuljahr

Wulf Schlünzen

Meine Rolle und ich

Rollenentwicklung im Schultheater

Das Anverwandeln einer Rolle gehört zu den Grundlagen des Schultheaters. Eine spielerische Erprobung ist dafür unabdingbar. Nur so wird ein glaubwürdiger theatraler Ausdruck erreicht, bei dem die Kinder und Jugendlichen ihre Persönlichkeit einbringen.

Ist die Arbeit an der Rolle noch zeitgemäß im Schulfach Theater? Schließlich gerät die Rollenarbeit in der performativen oder postdramatischen Theatertheorie ins Zwielicht. Das authentisch performende Ich wird gegen die traditionelle Auffassung von Theater, in dem fiktive Rollen auftreten, in Stellung gebracht. Oder es wird dazu komplementär alles Individuelle des Schauspielers bis hin zu Intonation, Interpretation und gestischer Darstellung vermieden.
Doch eines bleibt auf der Bühne unumgänglich: Die Akteure sind nicht nur sie selbst, sondern stellen schon wegen der Grundvereinbarung der Kunstform Theater etwas Anderes dar als nur sich selbst: Sie sind Akteure in einem theatralen Raum, andere schauen ihnen dabei zu (frei nach Peter Brook). Die Darstellung der Akteure und ihre Positionierung im Raum ist aufgrund der Situation vor Publikum gestaltet. Diese Gestalt nennt man traditionell „Rolle.
Selbst wenn jemand auf der Bühne behauptet, er stelle gar keine Rolle dar, sondern sei nur ganz er selbst, kann dies leicht widerlegt werden: Warum ist er denn gerade jetzt im Aktionsraum und warum sagt er gerade das? Und weshalb schauen wir als Zuschauer ihm zu?
Eine Absage an Rollenarbeit und Rollendarstellung ist schon im Profitheater problematisch, geht aber im Schultheater an der Situation der Schülerinnen und Schüler völlig vorbei. Sie sind in einem Lebensabschnitt, in dem sie im Experimentieren mit unterschiedlichen Rollen das eigene Ich erproben und festigen. Da bietet das Fach Theater für sie die Möglichkeit der Darstellung unterschiedlichster Rollen. Das Schultheater eröffnet somit eine „pädagogische Provinz (Goethe, Wilhelm Meister), in der die Kinder und Jugendlichen etwas im geschützten Raum sanktionslos ausprobieren können. Das macht Schultheater für Kinder und Jugendliche attraktiv.
Sinn und Notwendigkeit
Schultheater bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, für einen begrenzten Zeitraum in Rollen zu schlüpfen, die sie verlockend finden, die ihnen aber vielleicht sogar selbst „gegen den Strich gehen. Sie können Motive und Emotionen am eigenen Leib erfahren, wenn auch nur zum Schein, im „Als-ob der Rollendarstellung.
Sicher besteht eine große Diskrepanz zwischen der sozialen Rolle als jugendlicher Schüler und z.B. einer historischen Underdog-Rolle wie Woyzeck oder der Rolle eines verwöhnten Prinzen wie Leonce. Und dennoch greift bei beiden Rollen Büchners die jugendliche Sehnsucht: „Einmal jemand Anders sein! (Leonce und Lena)
Mit diesem Ausspruch ist die Bühnenfigur Leonce auch heute noch Sprachrohr jugendlichen Selbstverständnisses. Und das ist nicht nur Ausdruck persönlicher Unsicherheit, sondern ein Lust besetzter Wunsch: „Der Mensch, in ein kurzes Dasein gesetzt, in eine dicht gedrängte Fülle verschiedenartigster Menschen, die ihm so nahe und doch so unfassbar fern sind, hat eine unwiderstehliche Lust, sich im Spiel seiner Fantasie von einer Gestalt in die andere ... zu stürzen. (aus: Max Reinhard, Vortrag an der Columbia Universität, gehalten 1928.) Diese Lust befähigt dazu, menschliche Verhaltensweisen zu verstehen, ohne sie deshalb billigen zu müssen. Theaterspielen ist damit (auch) eine Schule der Empathie.
Die Schüler probieren sich in theatralen Rollen aus, indem sie sich in Situationen und Verhaltensweisen fiktiver Personen einfühlen. In der spielerischen Begegnung und inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem historisch, kulturell oder sozial Fremden reflektieren sie auch den Hintergrund ihres eigenen Agierens. Zugleich scheinen für sie im Fremden auch eigene Möglichkeiten eines sich noch entwerfenden Lebenskonzepts auf.
Wenn etwas weit entfernt von den Erfahrungen der Schüler ist, muss dieser große Abstand überwunden werden; das Anverwandeln gibt dem Fremden mit den eigenen Möglichkeiten und Verhaltensweisen eine individuelle Gestalt. Material zum biografischen, sozialen oder historischen Umfeld und zum theatertheoretischen Kontext kann den Zugang zu einer zunächst fremden Rolle aufschließen. Der Darsteller muss aber auch von „nahen Rollen einen Abstand gewinnen, damit er das, was er darstellt, überhaupt vor Publikum darstellen kann und nicht darstellerisch hilflos im nur Privaten versinkt. Wenn ich nur ich „selbst bin, habe ich keine Gestaltungsfreiheit, nehme die theatrale Situation nicht an. Diese muss aber erreicht werden, denn erst aus der individuellen Auseinandersetzung mit einer Rolle erwächst eine auf der Bühne vor Publikum tragfähige Darstellung.
Anverwandlung und Einbindung
Rollen sind in ihrer darstellerischen Ausprägung nie vollständig vorgegeben. Die Akteure müssen die Rollen aus persönlicher Sicht entwickeln, damit sie diese glaubwürdig spielen können. Dies ist für selbst entworfene Rollen in Eigenproduktionen selbstverständlich, doch das gilt auch für literarisch „vorgegebene Rollen. Zunächst scheint vieles möglich, aber das darf nicht zur Beliebigkeit führen. Jeder Akteur muss sich immer wieder zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten entscheiden, um eine Rolle auch mit ihren Widersprüchen für das Publikum nachvollziehbar gestalten zu können. Für die individuelle Rollenarbeit gibt es viele bewährte Übungen, Sie müssen für den jeweiligen Verwendungszweck variiert werden (s. Übungen , und Karteikarten ).
Die persönliche Auseinandersetzung mit der Rolle ist die wesentliche Grundlage für die Rollenarbeit. Doch die Entwicklung der Rolle darf nie isoliert bleiben. Sie ist immer in das Gesamtkonzept des Stückes einzubetten (s. Konzeptionelle Einbindung der Rollen, Übungen). Am Konzept des Stückes müssen sich die Schüler individuell und als Gruppe aktiv beteiligen.
Daher wird auch die Rollenentwicklung flankiert von Übungen zur Abstimmung mit den anderen Rollen, dem Stück und dem Regiekonzept. Diese beziehen sich nicht nur auf die anderen Rollen, sondern auch auf die Konzeption des Stücks mit Inhalt, Dramaturgie, Aussage und Form. Damit übernehmen die Schüler aktiv Verantwortung für die theatrale Gestalt des Stücks. Auch für diesen Bereich der Rollenarbeit gibt es bewährte Übungsformen (vgl. auch Karteikarte „Der Heiße Stuhl).
Das Anverwandeln von Rollen wird so zu einem zentralen spielerischen Vorgang. Der persönliche Ausdruck der Kinder und Jugendlichen wird in der Rolle zu einem glaubwürdigen theatralen Ausdruck entwickelt, ohne dass in der Darstellung die Persönlichkeiten der Kinder und Jugendlichen verlorengehen. Die Berechtigung intensiver Rollenarbeit im Fach Theater ist für die Schüler persönlich wichtig, für die glaubwürdige Darstellung notwendig und damit unverzichtbar.
Anmerkung
Eine ausführliche Darstellung aller benannten Übungen finden sich in: Schlünzen, Wulf: Zur Didaktik und Methodik (DS1), Schultheaterverlag Hamburg: 2009 (über wulf.schluenzen@schultheaterhamburg.de zu beziehen).