9. – 13. Schuljahr

Philipp Radau | Katja Tommek

Als sie nicht mehr deutsch sein durften

Ein performativer Stadtrundgang

Unsere inklusive Theater- und Kunstklasse „RaumIdeen (Jahrgang 10) wurde ausgewählt, die Eröffnungsperformance der ZAT 2018 zu gestalten*. Getreu dem Tagungsmotto „Theater.Performance.Demokratiebildung entschieden wir uns für einen performativen Stadtrundgang im ehemaligen jüdischen Viertel Hamburgs, dem Grindelviertel.

Eine Performance ermöglicht den Teilnehmenden, ihre spezifischen Sichtweisen, Talente und Fähigkeiten einzubringen und ihre Ängste und Bedenken zu überwinden. Zudem erlaubt sie wie kaum eine andere theatrale Form das Unperfekte, Unfertige, das auch eigene Ängste und Bedenken ausstellen kann. Daher liegt ihre Kraft insbesondere im Kontext der inklusiven Schule.
Um die Performance von anderen Theaterformen abzugrenzen, einigten wir uns im Vorfeld des Projekts auf einige Grundsätze:
  • Performance ist gekennzeichnet durch die Widersprüchlichkeit rivalisierender Deutungen und Bedeutungen. Daher wollten wir während der Projektarbeit mithilfe von Performance-Coachinnen unterschiedliche Ansichten und Zugänge zu Performance entwickeln.
  • Als Thema legten wir die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Leben im Grindelviertel während des Nationalsozialismus fest. Mit der Beschränkung auf reale Handlungen wollten wir einem „Betroffenheitstheater entgehen Betroffenheit darf entstehen, sollte nicht aber von den Performenden eingefordert werden.
  • Es sollten reale Handlungen gezeigt werden, die eine Bedeutung jenseits der Handlung erzeugen. Den Fokus legten wir auf entsprechende Anweisungen, um „als-ob-Spielformen auszuschließen.
Das Dokumentarische an der Performance
Dokumentarischer Ausgangspunkt einer Performance ist kein spezielles Ereignis, sondern die Geschichte, die ein realer Ort zu erzählen hat. Wenn Nikitin davon spricht, die Wirklichkeit würde zum Material werden, trifft dies besonders auf unsere Arbeit zu. Wir befanden uns an realen Orten des Grindelviertes. Die Orte erzählten uns aber nur vereinzelt etwas.
An einem dieser Orte sind die Umrisse der Bornplatzsynagoge, die dort bis 1938 stand, in den Boden eingelassen. An anderen stehen Gedenktafeln und Mahnmale. An einer Hauswand befindet sich ein Wandgemälde. Die dokumentarische Setzung war dadurch schon vorgegeben.
Der dokumentarische Anspruch konnte es nicht sein, den Zuschauenden die damaligen Ereignisse nahe zu bringen. Vergleichbare Ereignisse hatten sich in ganz Hitlerdeutschland abgespielt: Zerstörung der Synagogen, Enteignung, Vertreibung und Deportation. Darunter auch Widerstände. Dank der multimedialen Aufbereitung des Holocaust (durch Spielfilme und Dokumentationen) spuken die Schreckensbilder in den Köpfen der Zuschauenden. Die Verknüpfung zu tatsächlichen Orten rückt dabei jedoch in den Hintergrund.
Werden dagegen die realen Orte in den Fokus gerückt, verbindet das Publikum ihre schon bekannten Eindrücke mit denen des Ortes und macht diese so zu noch stärkeren Erinnerungsträgern. Unser dokumentarischer Anspruch bestand daher darin, den realen Orten eine Stimme zu verleihen, die Aufmerksamkeit wieder auf sie zu richten, um so einen Beitrag zum Erinnern zu leisten.
Angesichts der erstarkenden Rechten wurde den Jugendlichen und den Zuschauenden mit der Performance vor Augen geführt, wohin eine solche Entwicklung führen kann. Die Performenden zogen Parallelen zu heutigen Ereignissen und entwickelten Handlungsmuster, um antidemokratischen Strömungen zu begegnen.
Das Dokumentarische fand sich zudem in der Auseinandersetzung der Performenden mit den Orten und den Ereignissen. Diese erkannten in einer ausgiebigen Recherche die Bedeutsamkeit der Orte für sich, transformierten dann die Bedeutsamkeit nicht die Betroffenheit in eine Ästhetik und präsentierten sie einem Publikum.
Der Ablauf des Projekts: erste Annäherung
Bei einer professionellen Stadtführung durch das Grindelviertel wurde der Theaterklasse...

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