3. – 13. Schuljahr

Boris Nikitin

Der unzuverlässige Zeuge

Nichtwissenschaftliche Behauptungen über das Dokumentarische

Dokumentarisches impliziert, dass damit der Anspruch auf Wirklichkeit realisiert ist. Das Problem liegt in der Unmöglichkeit, Wirklichkeit zu erfassen.

1. Das Dokumentarische macht Wirklichkeit zum Material
Die erneute Hinwendung zur nichtfiktionalen Wirklichkeit ist eine der maßgeblichen Entwicklungen innerhalb der deutschsprachigen und internationalen Theaterszene seit Ende der 1990er-Jahre. Dabei ist eine Vielfalt an Formen und Praktiken entstanden, welche Leben, Alltag und Geschichte im gegenwärtigen, oft urbanen Kontext mit den künstlerischen Mitteln des Theaters (oder des Tanzes oder der Performance) dokumentieren und reflektieren. Im Gegensatz zu den dramatischen Theaterformen und zum dokumentarischen Theater, beispielsweise eines Peter Weiss in den 1960er-Jahren, stehen oft nicht zuallererst Schauspieler*innen, sondern Performer*innen (z.B. She She Pop), Choreograf*innen (z.B. Jérôme Bel) und Expert*innen (z.B. bei Rimini Protokoll) auf der Bühne. Ihre Texte sind nicht von Dramatiker*innen verfasste Fiktionen, sondern sie basieren auf tatsächlichen, „wahren, manchmal historischen Begebenheiten (z.B. Hans-Werner Kroesinger oder Milo Rau). Oder sie schöpfen aus den persönlichen Erfahrungen der Darsteller*innen selbst, die ihre eigene Identität und Biografie zum Gegenstand der Auseinandersetzung machen (z.B. Jérôme Bel, She She Pop, Rimini Protokoll). Zudem findet dieses Theater nicht ausschließlich in den Theaterhäusern statt, sondern macht auch die Wirklichkeit selbst zur Bühne und zum theatralen Forschungsfeld. Hier sitzt das Publikum nicht unbedingt im verdunkelten Zuschauerraum, sondern wird per Audio- oder Videowalk durch den Stadtraum geleitet (Janet Cardiff, Stefan Kaegi, Dries Verhoeven), in kleinen Gruppen in Privatwohnungen geführt (X Wohnungen von Matthias Lilienthal) oder als verdeckte Zuschauer*innen inkognito in Aktionärsversammlungen geschmuggelt (Rimini Protokolls Vollversammlung).
„Kein Dokument, kein Mensch.
Michail Bulgakow, Meister und Margarita
Die Bandbreite der als „dokumentarisches Theater bezeichneten Stücke, Projekte und Performances ist zu groß, als dass man von einem einheitlichen Genre ausgehen könnte. Was die verschiedenen Formen und Herangehensweisen miteinander verbindet, ist die Verwendung der „Wirklichkeit nicht nur als Ausgangspunkt, sondern als konkretes Material auf der Bühne. In vielen zeitgenössischen dokumentarischen Theaterformen wird dabei dieses Material „Wirklichkeit nicht allein als Fundus für Gegenwarts-Stoffe verstanden, sondern es wird auch auf seine Inszenierung und Konstruktion hin untersucht.
2. Das Dokumentarische ist eine Form des Illusionstheaters
Was ist das „Dokumentarische im sogenannten dokumentarischen Theater? Worin genau besteht der Wirklichkeitsbezug des Dokuments, worin der essenzielle Unterschied zum Fiktionalen? Wer sich mit „dokumentarischem Theater beschäftigt, weiß, dass es sich um ein paradoxes Gelände handelt. Denn das Dokumentarische wird allgemein als ein Genre identifiziert, in dem über Ereignisse berichtet wird, die in der meist zeitnahen Wirklichkeit stattfinden oder stattgefunden haben. Es ist eine Form der nichtfiktionalen Wirklichkeitsbeschreibung. Das Problem des Dokumentarischen liegt dabei in der Unmöglichkeit, zu erfassen, was „Wirklichkeit (oder Gegenwart) genau ist. „Wirklichkeit ist nicht zu trennen von den Modi ihrer Wahrnehmung, ihrer Repräsentation, Versprachlichung und Darstellung. Sie ist nicht abschließend feststellbar, ist immer Behauptung und Interpretation. Das Dilemma dokumentarisch arbeitender Künstler*innen ist, dass sie bei dem Versuch, die Wirklichkeit oder einen Ausschnitt daraus darzustellen, immer auf ihre Ideen von „Wirklichkeit zurückgeworfen werden und damit auf die subjektiven, selektiven Vorannahmen und Normen, durch die ihr Blick geprägt ist. Jeder...

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