3. – 13. Schuljahr

Sven Asmus-Reinsberger

Dokumentarische Spielarten

Begriffsbestimmungen und Konsequenzen für den Unterricht

„Das Dokumentarische Theater existiert nicht. Es hat Entwicklungen mitgemacht, wurde und wird unterschiedlich interpretiert und inszeniert. So entstanden diverse Definitionen und Spielarten. Ein Einblick in die Geschichte und Theorie eines vielschichtigen Genres.

Es ist interessant: Schreibt man einen Grundlagenartikel zum Thema „Dokumentartheater (in der Schule), ist zu Beginn der Recherchen eigentlich klar, was unter Dokumentartheater zu verstehen ist. Lediglich einen kurzer historischer Abriss der wichtigsten Stationen (von Erwin Piscator über Peter Weiss bis zu Rimini Protokoll oder Milo Rau) und eine thematische Befragung in Hinblick auf den Theaterunterricht in der Schule erscheint notwendig. Je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, desto schwerer scheint es, den Begriff des „Dokumentarischen zu fassen.
Nicht fiktional. Oder doch?
Schaut man sich unterschiedliche Definitionen des Dokumentarischen Theaters an, erkennt man die Unschärfe: „Als Dokumentartheater bezeichnet man ein Theaterformat, das nicht auf der Aufführung einer fiktiven Stückvorlage beruht, sondern tatsächliche historische oder aktuelle Begebenheiten inszeniert1. Oder: „Das dokumentarische Theater behandelt historische oder aktuelle politische oder soziale Ereignisse. Dabei fungieren juristische oder historische Reportagen, Berichte, Dokumente und Interviews als Quellen. Obwohl authentisches Material übernommen und in der Regel unverändert wiedergegeben wird, handelt es sich um eine fiktionale Kunstform.2
Für das Dokumentartheater existiert keine verbindliche Genrebestimmung.
Petra Gallmeister
Die zentrale Unschärfe liegt dabei nicht allein in der Abgrenzung des sogenannten „Fiktiven bzw. „Fiktionalen vom sogenannten „Nicht-Fiktiven. Diskutiert wird ebenfalls, ob es beim Dokumentartheater um die Theatralisierung von Dokumenten aus nicht-literarischen Bezugssystemen geht (didaktisch gesprochen also um eine Form der Eigenproduktion) oder ob auch die Umsetzung einer dokumentarischen Textvorlage, also eines „Dokumentarischen Theaterstücks wie etwa Peter Weiss Die Ermittlung (1965) zum Dokumentartheater zu zählen ist.
Bejaht man dies, stellt sich die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist zwischen einem „rein dokumentarischen Stück und einem zumindest teilweise fiktiven historischen Drama mit dokumentarischen Anteilen, wie z.B. Rolf Hochhuths Der Stellvertreter (1963), Heinar Kippardts In der Sache J. Robert Oppenheimer (1964) oder Andreas Veiels Der Kick (2006) , welches aus Interviewpassagen entstanden ist.
Sachlich? Politisch?
In manchen Versuchen, das Dokumentarische Theater näher zu bestimmen, wird zudem ein bestimmter Inszenierungsstil als Kategorie hinzugezogen. In Bezug auf die Präsentation der Dokumente wird für das Dokumentartheater der 1960er-Jahre z.B. ein besonders nüchterner, sachlicher und reduzierter Inszenierungsstil mit Konzentration auf das Wesentliche ohne naturalistische Details als „typisch dokumentarisch beschrieben. Dies gilt auch bei zeitgenössischen Inszenierungen von Hans-Werner Kroesinger: „In seinen dokumentarischen Theaterabenden collagiert Kroesinger historische Originaltexte, aktuelle Dokumente und literarische oder theoretische Texte. Nicht eine Zeile ist erfunden oder zwecks besserer Sprechbarkeit sprachlich geglättet, alles ist aus den Originaltexten der Dokumente montiert. Dokumentarische Versatzstücke werden nicht kommentiert oder ironisiert, sondern deutlich ausgestellt.
Ein weiterer Punkt, der als typisch für das Dokumentartheater der 1960er-Jahre genannt wird, ist die spezifisch politische Zielsetzung, die von politischer Aufklärung bis zur parteilichen Agitation reicht. Peter Weiss spricht ausdrücklich von der Notwendigkeit der „Parteilichkeit des Dokumentarischen Theaters, welches nicht nur äußerlich Zustände zeigen solle. Es müsse auch...

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