3. – 13. Schuljahr

Tilman Drope | Kerstin Rabenstein

Dokumentieren als Erzeugen sozialer Wirklichkeit

Anmerkungen aus der Perspektive ethnografischen Forschens

Soziale Lebenswelten kann man nicht wie naturwissenschaftliche Phänomene objektiv beobachten. Vielmehr findet bei jeder Erforschung und Dokumentation eine Konstruktion sozialer Wirklichkeit statt.

Ethnografie ist eine Forschungsstrategie zur Beschreibung unvertrauter sozialer Lebenswelten. Eine in diesem Zusammenhang viel diskutierte Frage ist, wer oder was Ethnografinnen und Ethnografen als „Sprechende über die ihnen unvertrauten Kulturen autorisiert. Zweifel waren aufgekommen, ob durch Nostrifizierung das, was von Ethnografen über andere Kulturen geschrieben wird, mehr über den Standpunkt der Schreibenden als über die Beschriebenen aussagt (vgl. Breidenstein etal. 2013, S.19).
Aus der Entwicklung der Ethnografie lassen sich zwei Aspekte herausgreifen, die als Antworten auf diese Probleme verstanden werden können (ebd., S.24).
  • Erstens: Das in frühen ethnologischen und soziologischen Studien erkennbare Interesse an einer moralischen Verbesserung von Menschen wurde hinter sich gelassen. An ihren Platz rückte die Idee einer „in die Tiefe gehende[n] Reportage (ebd., S.22).
  • Zweitens: Statt die naturwissenschaftliche Vorstellung von Welt als „einfach gegeben zu übernehmen, wurde die Vorstellung der „Gemachtheit der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit entwickelt.
Die „Gemachtheit sozialer Welten wird in der Ethnografie u.a. in Praktiken des Beobachtens und Dokumentierens erschlossen, die in diesem Beitrag vorgestellt werden (vgl. auch Rabenstein 2019). Bevor ein kurzer Blick darauf geworfen werden soll, wie die Ethnografie diese für ihre Forschungspraxis paradigmatischen Praktiken versteht, soll kurz auf das der Ethnografie zugrunde gelegte Verständnis von Beobachtung eingegangen werden.
In der ethnografischen Perspektive wird das Gegebene immer als etwas Gemachtes verstanden.
Ethnografisches Beobachten alswissenschaftliche Methode
Als (natur-)wissenschaftliche Methode wurden Beobachtungen mit der Idee eines objektiven Beobachtens entwickelt. Dieses sollte das durch den Einsatz von Mess- und Aufzeichnungsinstrumenten die als subjektiv und damit als unwissenschaftlich geltende sinnliche Wahrnehmung des Menschen überwinden (vgl. Beck/Scholz 2000). In den Kulturwissenschaften hat sich demgegenüber ein verstehender Zugang zur Erforschung sozialer Wirklichkeit entwickelt, dem die Einsicht der Leibgebundenheit der menschlichen Wahrnehmung zugrunde liegt (vgl. Reh 2012a).
Die Ethnografie ist dementsprechend ein kulturwissenschaftlicher Forschungsstil, der gerade nicht der Idee eines „allwissenden Erzählers (Reh 2012b, S.126) folgt: Sie setzt auf die körperliche Anwesenheit der Beobachterinnen und Beobachter im Feld. Diese ermöglicht einerseits, dass ein Geschehen aufmerksam und mit allen Sinnen wahrgenommen werden kann, dass die Beobachtenden sich von ihm berühren lassen (vgl. Reh 2012b, S.116). Andererseits ist mit der paradigmatischen Setzung von Beobachtung als leibgebunden auch die Anerkennung ihrer je spezifischen Perspektivität verbunden.
Die Ethnografie interessiert sich damit nicht bloß für das, was die „Totale bei der Kameraführung im Sinne eines Überblicks auf ein Geschehen in den Blick bekommt. Vielmehr legt sie ihren Fokus auf das, was beobachtbar wird, wenn man die Vorstellung eines allwissenden Blicks hinter sich lässt und die unterschiedlichen Teilnehmerperspektiven berücksichtigt (vgl. Alkemeyer et al. 2015, S.30). Damit interessiert sie sich auch für die „Vielstimmigkeit der Praxis, für konkurrierende Geschichten und Unstimmigkeiten in den Erzählungen, somit nicht nur für die Gleichförmigkeit, sondern auch die Unregelmäßigkeiten sozialer Welten (vgl. Alkemeyer etal. 2015, S.30).
Ein reflexives Verhältnis zur eigenen Forschungspraxis ist für diesen Forschungsstil zentral. Mittels der Reflexion der eingenommenen...

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