6. – 13. Schuljahr

Mira Sack

Ego-Manie

Kritische Nachfragen zum Realitätsbezug im Schultheater

Biografische Episoden, politische Überzeugungen oder der kritische Kommentar zur sozialen Realität markieren einen großen Teil der Schultheater-Szene. Viel Bekenntnis wenig Realität?

Eine bittersüße Abrechnung mit der ersten großen Liebe. Der eigene Widerspruch im Mitgefühl für weniger Privilegierte. Individuelle Zukunftsszenarien im Wettlauf mit dem von der Schule geforderten Kompetenzwettbewerb Dokumentarisch angelegtes Theater mit Jugendlichen zeigt sich gern als ein Ringen und Rangeln um Positionen, Perspektiven und Affekte, die sichtbar machen, welche Gefühle und Denkkonstruktionen an den Nerven der jungen Seele zehren.
Die tatsächliche Auseinandersetzung zwischen Ich und Welt findet allerdings meist im Vakuum des schulischen Proberaums statt. Hier werden vorhandene Erfahrungen zu Dokumenten gemacht, zur persönlichen Expertise stilisiert und in eine ansprechende Form gebracht. Realität bekommt so im Herstellungsprozess von Theater den Status eines Als-ob, wird auf unterschiedliche Art fiktionalisiert und bleibt als Projektionsfläche im Hintergrund oder geht gar im Spiel mit Selbst-Behauptungen ganz unter.
Reale Abbildung sozialer Wirklichkeit?
Aus theaterwissenschaftlicher Perspektive werden Theaterformate mit „Expertinnen und Experten des Alltags gerne als Beispiel für den Einbruch des Realen herangezogen, und die nicht-professionellen Darstellerinnen und Darsteller erhalten den Status des Besonderen. Ist diese Art der Verbesonderung sozialer Realität hinreichend für die Befriedigung der kulturellen Sehnsucht nach Präsenz? (vgl. Keim 2010) Fungiert der Laie hier einfach als Dokument für das Soziale?
Ein Blick auf den dokumentarischen Charakter bzw. das Spiel mit dem Eigenen in vielen theaterpädagogischen Inszenierungs- und Probenpraktiken bringt mich diesbezüglich in Verlegenheit. Beliebte Repräsentationsformen sozialer Realität sind dort Bühnenarrangements, die aus monologischen Partikeln bestehen. Sie gleichen eher einem Aufsatz über individuelle Lebenswelten oder politisch korrektes Denken. Nach immer wieder ähnlichen Mustern werden bekennerische Ich-Aussagen zu einem Nummernprogramm montiert, dessen Gehalt sich im Wesentlichen in der Selbstbezüglichkeit der Akteurinnen und Akteure erschöpft.
Oder nur selbstbezügliche Ausstellung sozialer Realität?
Wichtig wird, so scheint es, dass die Performenden zum Sprechen gebracht werden. Weniger wichtig, was sie zu sagen haben: Jeder und jede sagt, was er oder sie denkt, denken will oder zu denken vorgeben will. Abgelöst wird auf Stichwort. Dazwischen darf die Ich-Energie sich in Bewegungspartituren kraftvoll oder filigran, offensiv oder subtil verschachtelt, entfalten. Eine kalkulierbare Kette aus mehr oder weniger chorischen Bewegungen und mehr oder weniger solistischen Sprechakten führt durch den Abend.
Die überwiegende Anzahl dieser Selbst-Zeugnisse und Selbst-Aussagen würde ich in Anlehnung an Katharina Keim als „Ego-Dokumente bezeichnen. Darunter sind „freiwillige Aussagen einer Person zu sich selbst zu verstehen, die „als Produkt einer bestimmten Ich-Konstruktion anzusehen sind und somit die Gefahr einer retrospektiven Selbststilisierung (des Weglassens oder gar der Verfälschung von Fakten) bergen. In diesen Selbstzeugnissen sind das „erkennende Subjekt und das erkannte Objekt identisch (Keim 2010, S.132).
Geht es in diesen Theaterformaten folglich gar nicht um den Einbruch des Realen in die Fiktion, sondern um die selbstbezügliche Ausstellung sozialer Realität im Kontext Kunst? Welcher didaktischen Idee folgt eine solche Praxis? Welche bildungsrelevanten Differenzerfahrungen erlaubt die Verwendung und Präsentation sozialer Realität als solcher?
Literatur
Keim, Katharina: Der Einbruch der Realität ins Spiel. Zur Synthese von Faktizität und Fiktionalität im zeitgenössischen semi-dokumentarischen Theater und den Kulturwissenschaften....

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