5. – 9. Schuljahr

Michael Aust

Nobel! Nobel! Herr Röntgen!

Dokumentarisches im Theater der Sekundarstufe I

Dokumentarisches Theater sucht mehrheitlich große Stoffe: ein historisches Ereignis, eine verdiente Persönlichkeit, einen gravierenden Umbruch oder einen erregenden Skandal. Kinder im Übergang zur Jugend leben jedoch überwiegend in ihrer „kleineren Welt. Der Weg zu einem großen Stoff muss daher über sie, ihre Interessen und ihr Wissen gehen.

Dass sich die Theater-AG des sechsten Jahrgangs mit Wilhelm Conrad Röntgen beschäftigen würde, war nicht geplant. Auch dass sie ihr Projekt schließlich mit Mitteln des Dokumentarischen Theaters umsetzen würde, war keine bewusste Entscheidung. Vielmehr war es ein Entwicklungsprozess, der durch Zufälle, durch didaktische und künstlerische Entscheidungen sowie durch Schülerinteressen geprägt war.
Warum ausgerechnet Wilhelm Conrad Röntgen?
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitsgemeinschaft brachten ein wenig Theatererfahrung aus dem Klassentheaterspiel im Vorjahr mit. Im Laufe unserer Findungsphase wurden wir eingeladen, uns im Rahmen der Würzburger Landesgartenschau mit einem eigenen Stück an einem Schultheaternachmittag zu beteiligen . Gewünscht waren theatrale Beiträge über Würzburger Nobelpreisträger. Das Theaterformat war frei, eine Zeit von 30 Minuten sollte nicht überschritten werden.
Die Gruppe entschied schnell, an dieser Ausschreibung teilzunehmen. Recherchen im Rahmen des Themas ergaben, dass für diese Arbeit mit der Sekundarstufe I nur WilhelmConrad Röntgen infrage kam. Hier war anzunehmen, dass wenigstens der Name Assoziationen auslöste. Gegenstand des Stücks und Alter der Darstellenden lagen aber dennoch weit auseinander. Nur durch Zugänge über das Wissen und die Erfahrungen der Kinder war es letztlich möglich, dem thematischen Anspruch ausdrucksstark und glaubwürdig gerecht zu werden.
Auf der Suche nach altersangemessenen Zugängen
Das Thema Wilhelm Conrad Röntgen (1845 –  – ––––––1923) verlangt wie jedes andere theatrale Thema eine Positionierung zum Stoff. Auch beim Dokumentarischen kann es nicht nur um den Gegenstand an sich gehen. Ohne Idee um die Zielrichtung der Auseinandersetzung landet man am Ende dokumentarisch bei einer schlechten musealen Präsentation, die nichts erzählt, sofern nicht das Wissen des Betrachters mitgestaltet.
Von einem breiten Wissen über Röntgen aber war weder bei Spielerinnen und Spielern noch beim erwarteten Publikum auszugehen. Auch naheliegende erwachsene Assoziationen, wie die kritische Auseinandersetzung mit Röntgen als Person und Wissenschaftler in seiner Zeit oder der Röntgentechnik erschien für diese Theaterschülerinnen und -schüler kein geeigneter Schwerpunkt. Zwei Jahrgangsstufen später wären Recherchen in dieser Richtung bei einer Entscheidung für dieses Thema interessante und auch selbstverständliche Wege, um zu Aussagen und Inhalten zu kommen.
Der Weg der theatralen Erarbeitung ging also zunächst nicht über die inhaltliche Recherche zu Röntgen, sondern über das Wissen der Kinder. Während der ersten Diskussion mit ihnen war selbst bei hartnäckigem Nachfragen nur herauszubekommen, dass es Röntgenstrahlen gibt, mit denen man z.B. bei Knochenbrüchen, Zahnschmerzen oder bei Lungenleiden durchleuchtet werden kann. Es war bekannt, dass dazu Schutzmaßnahmen notwendig sind und dass diese Untersuchungen nicht zu häufig gemacht werden dürfen, weil Schäden entstehen können.
Vom Wissen über Forschung zur Forscherpersönlichkeit
Um eine kritische Haltung zu dem Wissenschaftler und der Entdeckung der Röntgen-Strahlung zu bewirken, wäre eine sehr zeitaufwändige Auf- und Erklärungsarbeit notwendig gewesen. Da außerdem keine persönlichen Erfahrungen vorlagen, die im theatralen Kontext hätten reflektiert werden können, konzentrierte sich die Arbeit der Gruppe zunächst auf abrufbares Wissen zum allgemeinen Thema Forschen. Hier gab es Kenntnisse, und die Thematik stellte einen allgemeinen theoretischen Rahmen zur...

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