6. – 13. Schuljahr

Doreen Rechin

Schule des Sehens

Der Dokumentarfilm als Kunst der Stunde

Das „einzige Schlafmittel, das man durch die Augen einnehmen kann nannte der Filmemacher Peter Krieg den Fernsehdokumentarfilm in den späten 1980er-Jahren.Heute präsentiert sich der Dokumentarfilm weitaus inspirierender.

„Der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Dokumentarfilm betiteln die Herausgeber ihre Publikation zum Dokfest München (Leitner u.a. 2014) lakonisch. Das trifft die Misere einer Gattung. Jahrzehntelang war der Autorendokumentarfilm abseits von Branchentreffs, Festivals und auf öffentlich-rechtlichen Sendeplätzen um kurz vor Mitternacht kaum sichtbar. Derart versteckt hielt sich ein angestaubtes Image des Dokumentarischen, das man gemeinhin aus dem Fernsehen bezog: Es sei belehrend und von einfältiger Bildsprache. Zuletzt war der politische Dokumentarfilm der 1970er- und 1980er-Jahre von Relevanz. So richtig lebendig war der Dokumentarfilm also lange Zeit nicht.
Eine Wiederentdeckung
Mit der Jahrtausendwende kam Bewegung in die Sache. Von einem „Dokuboom war die Rede. Inzwischen ist die Popularität des künstlerischen Dokumentarfilmes unbestritten. Die entscheidenden Impulse kamen aus dem Kino. Wim Wenders Porträt kubanischer Musiker Buena Vista Social Club (1999) übersprang die Millionenmarke. Damit war der Damm gebrochen. Das Filmmärchen Die Geschichte vom weinenden Kamel (2003) kombiniert die ethnografische Filmtradition mit einer zuvor angelegten Story. Mit geradezu komischer Zärtlichkeit zeigt Full Metal Village (2006) beschauliches Dorfleben unter der Invasion zehntausender Metal-Fans. Beeindruckend emotional nähert sich Rhythm is it! (2004) den Perspektiven Jugendlicher im Education-Projekt der Berliner Philharmoniker.
Von dem neuen Vertrauen in den Dokumentarfilm profitierten auch tradierte Ansätze, beispielsweise Philip Grönings Beobachtungen des Klosteralltags Die große Stille (2005). Die Bewegung ist international: Sein oder haben (2002), What the Bleep do we (k)now!? (2004), Bowling for Columbine (2002), Eine unbequeme Wahrheit (2006), Waltz with Bashir (2008) die künstlerische Vielfalt lässt sich bis in die Gegenwart fortsetzen. Der Dokumentarfilm ist lebendig wie nie zuvor.
Bekenntnis zur Narration
Es scheint, als habe sich ein ganzes Genre von seinen dogmatischen Begrenzungen gelöst. Die Fiktionalisierung und Emotionalisierung des Materials unter dramaturgischen Absichten waren zuvor eher Sache des Spielfilms. Die zunehmende Gewissheit bei Filmförderung und Sendern, dass der Dokumentarfilm mit solchen Konventionen auf eine breite Zuschauerakzeptanz stößt, brachte wirtschaftliches Vertrauen und zog weitere Produktionen nach sich.
Die Wende des künstlerischen Dokumentarfilms hin zu einer narrativen Erzählstruktur und einer deutlich subjektiven Perspektive ist ein Glücksfall. In der Unmittelbarkeit der Darstellung von Lebenswirklichkeiten schafft der Dokumentarfilm sinnliche, emotionale Evidenzerlebnisse. Damit reicht er hinein in die Bestimmung des eigenen Seins. Dies und die daraus resultierende Diskussionsfähigkeit zeichnen ihn stärker aus als der häufig unterstellte primäre Informationscharakter.
Ein Paradoxon
Die Aneignung von Wirklichkeit mit einer Absicht ist das, was den künstlerischen Dokumentarfilm von faktualen Formaten unterscheidet. Damit arrangiert und erzählt der Filmemacher beobachtete und erfahrene Realität durch eine Vielzahl vor(ein)genommener Entscheidungen. Paradoxerweise kann der nonfiktionale Film, der sein Material aus einer konkreten Realität bezieht, keine ungebrochene Wirklichkeit abbilden. Die Methodik seiner Entstehung reicht durch die Kamera sowie die Haltung und Perspektive des Filememachers immer in die Erzählung hinein.
Die Unmöglichkeit der Illusion, wie sie im Spielfilm vorausgesetzt wird, ist eine Stärke des nonfiktionalen Films. Die damit einhergehende reflektierende Betrachtungweise ermöglicht einen emphatischen Zugang zu den...

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