9. – 13. Schuljahr

Christina Ulbricht | Thomas Ritter

Sehen und gesehen werden

Wahrnehmungen und Wirkungen des Projekts „Spurensuche

Zielsetzungen und Wirkungen eines Theaterprojekts sind selten deckungsgleich. Und oft wandeln sich Zielsetzungen im Verlauf der Arbeit. Ein Beispiel dafür ist die eindrucksvolle Inszenierung „Spurensuche. Sie zeichnet sich u.a. durch ihre Mehrdeutigkeit aus und hat daher sowohl bei Spielenden als auch bei Zuschauenden unterschiedliche Wirkungen.

Am 23. November 2015 begegnete Max Mannheimer Schülerinnen und Schülern, die an einem Spurensuche-Projekt zum Holocaust teilnehmen. Es entwickelte sich ein ausführliches und tief beeindruckendes Gespräch zwischen dem 90-jährigen Zeitzeugen und den Jugendlichen. Am 23. September 2016, wenige Wochen nach der Premiere der Performance „Spurensuche Was für ein Mensch willst du sein, starb Max Mannheimer. Er war auf unzähligen Lesungen und Vorträgen ein ergreifender Zeuge einer Zeit, die bis heute sprachlos macht.
Wie lässt sich heute noch bezeugen, erfahren und dokumentieren, wenn die greifbaren Zeugen die „Lebensbühnen verlassen? Wie ist es möglich, mit Jugendlichen ohne erhobenen Zeigefinger oder moralischer Keule über den Holocaust und die daraus abzuleitende Verantwortung zu sprechen? Und: Lässt sich das Nicht-Darstellbare überhaupt szenisch darstellen?
Das nicht Darstellbare darstellen
Das Projekt „Spurensuche stellt sich diesen Fragen. Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren recherchierten die bedrückende Euthanasie-Vergangenheit ihres Heimatortes Haar, reflektierten sie und „veröffentlichten sie in theatraler Form (s. Inszenierung). Empirische Untersuchungen, die Jugendliche und ihren Umgang mit dem Holocaust in den Fokus rücken, zeigen u.a., dass sie sich einer oktroyierten Erinnerungskultur ausgesetzt sehen, die wenig Raum für persönliche Einsichten und Deutungen zulässt (vgl. Hilmar 2014, Klein 2012, Zülsdorf-Kersting 2012).
Inszenierung: Die Performance „Spurensuche
Inszenierung: Die Performance „Spurensuche
„Spurensuche Was für ein Mensch willst du sein unter der Leitung von Farina Simbeck und Thomas Ritter ist ein Schultheaterprojekt, das 2015 seinen Anfang nahm. Es beschäftigt sich mit der nationalsozialistischen Euthanasie-Vergangenheit des Schulortes Haar (bei München). Zwischen 1939 und 1945 starben dort etwa 2000 Patienten an Unterernährung, 332 Kinder wurden gezielt getötet, mehr als 2000 in Tötungsanstalten geschickt. Neueste Untersuchungen, die erst nach der Erstaufführung des Stückes veröffentlicht wurden, weisen sogar deutlich höhere Opferzahlen nach.
Es entstand eine dokumentarische Performance, die fast ausschließlich aus zueinander in Beziehung gesetzten Zitaten besteht. Immer wieder muss sich das Publikum in dem speziellen Bühnenraum, der die Struktur des Zusehens und Mitmachens aufnimmt, neuen Situationen stellen. Die verwendeten Inhalte werden dabei immer wieder verändert, und die Aufteilung der Texte und sichtbaren szenischen Handlungen wird vor jeder Aufführung von den 20 bis 35 beteiligten Schülerinnen und Schülern eigenständig aufgeteilt. Das Projekt wurde von Christina Ulbricht wissenschaftlich begleitet.
„Spurensuche versteht sich primär als theatrales Gedenken an die Opfer der Euthanasie-Verbrechen. Es wurde im In- und Ausland bereits 80 mal aufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Über 7000 Zuschauer durchlebten insgesamt die Performance.
2019 startete das Projekt „Spurensuche 2.0. Mit neuen Darstellern findet erneut eine Recherchephase statt, und die bestehende Performance wird neu entwickelt. Das Stück, das von unterschiedlichen Institutionen gefördert wird, bleibt somit bis 2021 abruf- und buchbar.
Kontakt: Projekt Spurensuche, Thomas Ritter, tritter@emg-haar.de
Sich dieser Schwierigkeit bewusst, zielen die Spielleitungen auf eine, insbesondere physisch vollzogene „Auseinander-Setzung mit der Vergangenheit ab, die mithilfe szenischer Mittel in Zusammenarbeit mit den...

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