Jens Jakob de Place

„Die Maske ist eine Lupe

Interview mit der Theaterpädagogin Sonja Ewald

Sonja Ewald macht sowohl Theater für Kinder als auch Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Dabei arbeitet sie viel mit Masken. Ihre Methoden hierbei sind angelehnt an die Methodik von Jaques Lecoq, einem französischen Theaterpädagogen, für den das körperbezogene Spiel im Zentrum stand und der ebenfalls hierfür die Maskenarbeit nutzte. Jens Jakob de Place sprach mit ihr über die Funktion und Wirkung von Masken beim Theaterspiel mit jungen Menschen.

Sonja, wie setzt du in deinem neuen Stück die Maske als Spielmittel ein?
In dem Stück „Oh du schöner Schmetterling geht es um biologische Vielfalt, symbolisiert durch Raupen und Schmetterlinge. Ich habe drei Masken, die drei verschiedene Raupen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien darstellen, weshalb die Masken unterschiedlich groß sind. Zwei davon trage ich als eine Art Puppenkopf auf der Hand, was ganz neu für mich ist. Die Idee ist während der Proben entstanden, und es ist sehr spannend, sie spielerisch zu entwickeln. Die größte Maske ist für die Raupe, die immer größer und dicker wird. Diese Maske trage ich zunächst ganz normal auf dem Kopf, während mein Körper zur Gänze durch einen alten Schlafsack verhüllt ist. Es entsteht dann ein Überraschungsmoment: Ohne dass es für die Kinder sichtbar ist, entferne ich die Maske von meinem Gesicht, halte sie im Schlafsack über meinen Kopf, strecke die Arm immer höher, wodurch die Raupe sich sozusagen immer länger macht und am Ende überlebensgroß wird. Das ist ein ganz einfaches Mittel, wirkt aber wie ein „special effect, und ich höre dann immer, wie einige Kinder „Oooohhh! rufen.
Was ist an der Maske als Gestaltungsmittel so besonders?
Die Maske ist eine Lupe: Wenn du in deinen Handlungen nicht deutlich bist, kommt da nichts rüber. Das sieht und spürt das Publikum. Wenn du in Handlung und Körperausdruck aber deutlich bist, ist es total klar, was du spielst. Und du lernst dabei, wie du die Aufmerksamkeit des Publikums lenken oder bewusst halten kannst. Ich bin als Spielerin sehr stark im Körper, ich vermittle direkt durch den Körper. Wenn ich mit der Maske ein Objekt, zum Beispiel einen Becher, greife, ich vorher schon auf den Becher zugehe und körperlich ausdrücke, dass ich das Getränk zum Beispiel total lecker finde, dann fängt für das Publikum schon die Geschichte an. Und dann hat die Handlung oder die Geschichte, die ich anfange, von Beginn an eine Färbung, weil alle neugierig sind, was ich jetzt damit mache.
So zu spielen klingt total übertrieben
Das Witzige ist: Mit der Maske ist es sinnvoll, groß zu spielen, denn ihr Ausdruck reicht räumlich meist weiter als ein menschliches Gesicht. Wenn die Intention deutlich und aufrichtig ist, wird das Spielen überzeugend und kann auch riesig sein. Es ist eigentlich egal, ob ich klein oder groß spiele. Wenn ich klein spiele, aber undeutlich, ist es auch nicht glaubwürdig! Das sagt auch Lecoq.
Teenager und Maske, geht das? 7. Klasse und Maske?
Auf jeden Fall! Was mit Schülerinnen und Schülern der 7. Klasse total witzig ist: Sie können auf der eine Seite schon reflektieren, andererseits finden sie das kindliche Spielen noch klasse. Da kann man ganz tolle Szenen machen. Ich tue nicht so, als ob wir albernes Kindertheater machen, sondern erkläre, warum wir mit der Maske spielen. Und mit der 7. Klasse habe ich nicht nur Maskenarbeit gemacht, sondern vor allem sehr körperlich gearbeitet. Von 20 Wochen Theaterunterricht entfielen zwei Wochen auf die Maskenarbeit. Ein besonders hohes Potenzial hat die Maske mit geflüchteten Kindern. Die Kinder, die schon Spielfreude haben, sind da sehr dankbar. Mit Sprache ist für sie ja noch so schwer zu arbeiten, aber die Masken verstehen sie sofort und sie können sich direkt mit ihnen ausdrücken. Die Maske ist ein Werkzeug, um Menschen mehr in ihren Körper zu kriegen, beziehungsweise ihnen bewusst zu machen, wie stark der...

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