Viktoria Flasche

Doing Faces

Von Masken, Filtern und Gesichtern

Ausgehend vom Paradox der Maske sie zeigt, indem sie verbirgt schildert die Autorin am Beispiel von Fotofiltern, mit denen sich Gesichter maskieren lassen (ein etwa bei Instagram oder Snapchat von Jugendlichen viel genutztes Angebot), wie vieldeutig und unscharf die Begriffe Gesicht und Maske und wie eng sie miteinander verbunden sind.

Um das Phänomen der Maske oder der Maskierung zu beschreiben, sind zwei Wege die gebräuchlichsten: Der erste Weg versucht, die unglaubliche Vielfalt menschlicher Masken als Artefakte zu katalogisieren und zum Beispiel ethnografisch oder religionswissenschaftlich zu ordnen. Masken werden gern zu einem „Urphänomen menschlicher Gesellschaften verklärt (vgl. Weihe 2004, S. 16) und es gibt zahlreiche archäologische Belege für den Gebrauch von Masken, die als tiefe kulturelle Verwurzelung des Phänomens in der menschlichen Geschichte gelesen werden. So zeigt zum Beispiel eines der ältesten überlieferten Bilder der Menschheit vermutlich einen Mann mit Hirschmaske1. Durch Hinweise auf Maskierungen und Masken als Phänomen in fast allen existierenden und vergangenen Kulturen wird dieses Sammlungsbedürfnis noch gesteigert und zum Teil voreilig eine anthropologische Konstante postuliert (vgl. Weihe 2004, S. 18 ff.).
Neben dieser katalogisierenden Herangehensweise gibt es einen zweiten Weg der Auseinandersetzung, der an der folgend geschilderten Abgrenzungsproblematik seinen Ausgang nimmt. Die Zusammenfassung aller Maskierungspraktiken und -artefakte unter einen Begriff funktioniert nur, wenn zunächst in einem hohen Maße von individuellen Bedeutungen für die Tragenden im jeweiligen Kontext abstrahiert und von einer Art Minimaldefinition ausgegangen wird: „Die Maske kann vorläufig definiert werden als künstliche Abdeckung des Gesichtes, des Kopfes oder des ganzen Körpers [...]. Im engeren Sinne lässt sich die Maske als Gesichtsabdeckung verstehen, mit Öffnungen für die Augen und, je nach Verwendungszweck, auch für den Mund. (Weihe 2004, S. 18) Allerdings gibt uns schon der alltägliche Sprachgebrauch Hinweise auf die Hinfälligkeit dieser vermeintlich klaren Definition, denn auch der Arbeitsbereich von Maskenbildnerinnen im Theater oder am Filmset wird als Maske bezeichnet, auch wenn aktuell dort vornehmlich geschminkt wird. In diesem Falle kann nun nicht so leicht zwischen Maske und Maskiertem unterschieden werden, da Farbe und Untergrund in enger Verbindung stehen.
Diesen Unklarheiten ist es geschuldet, dass der zweite Weg versucht, konsequent die Rolle des unter der Maske Liegenden also meist eines Gesichts und die jeweiligen Praktiken und Interaktionen, in die die Maske eingebunden ist, für die Analyse des Phänomens zu berücksichtigen. „Die Maske ohne Gesicht ist wie ein Schuh ohne Fuß, ein seiner Anwendung und Sinngebung harrender Gegenstand. Die Maske erfüllt ihre Funktion erst, wenn sie auf ein Gesicht aufgesetzt worden ist. Sobald sie aufgesetzt ist, lässt sich die Maske als Paradox beschreiben: Sie zeigt, indem sie verbirgt. (Weihe 2004, S. 14)
Diesem zweiten Weg folgend, setzt dieser Text jenes Paradox an den Anfang einer erziehungswissenschaftlichen und bildungssoziologischen Auseinandersetzung mit Masken und Maskierungspraktiken.
Augmented Reality
Mit dem Blick auf die aktuell gebräuchlichste Maskierungspraxis von Jugendlichen verschiebt sich das Definitionsproblem nun auf eine weitere Ebene: Die meisten Social-Media-Sites bieten in ihren Apps die Möglichkeit, Gesichter in Fotos oder kurzen Filmen mit zahlreichen Filtern zu maskieren. Am häufigsten verwendet werden Snapchat oder Instagram, also vornehmlich auf den Austausch von Fotografien spezialisierte Angebote (vgl. MPFS 2017, S. 34). Neben den Filtern, die unter anderem Farbtemperatur oder Tiefen-Schärfe schematisch verändern, werden hier vor allem Selfies mit diversen Folien dynamisch überlagert (siehe Abb. 1 ).
Verstand die...

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