Veit Güssow

„Erlaubnis zum Kontrollverzicht

Steve Jarand berichtet über seine Arbeit mit trance masks

befragte Steve Jarand, der bei Keith Johnstone die quick trance-technique mit Halbmasken kennenlernte und seit vielen Jahren rund um den Globus (in Workshops und Seminaren mit Erwachsenen) mit trance masks arbeitet, zu deren Wirkung auf Maskenspieler.

In seinem Standardwerk Improvisation und Theater widmet der Pionier des Improvisationstheaters Keith Johnstone das letzte Kapitel ausführlich seiner Arbeitserfahrung mit Masken, die er unter anderem bei der Autorengruppe des Royal Court Theaters machte.Anders als seinen Ideen zu Improvisationstheater, Theatersport etc. wurde seiner Maskenarbeit in der Theaterpraxis bislang wenig Beachtung geschenkt.
Einer, der sich intensiv damit auseinandergesetzt hat und die Entwicklung dieser faszinierenden Maskenwelt vorantreibt, ist Steve Jarand. Er lernte an dem von Johnstone gegründeten Loose Moose Theatre in Calgary/Kanada das Handwerkszeug des Improvisierens und machte sich Anfang der Zweitausenderjahre daran, Johnstones Maskenarbeit in experimentellen Workshops praktisch zu erkunden, eigene Masken aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse anzufertigen und zunächst in Late-Night-Labs wieder vor Publikum zum Leben zu erwecken.
Inzwischen hat er auf vier Kontinenten unzählige Seminare zum Thema trance masks gehalten und gemeinsam mit Keith Johnstone eine DVD zu dieser Arbeit herausgebracht.
Wie hast du die Maskenarbeit von Keith Johnstone kennengelernt, was hat dich daran fasziniert?
Ich sah sie zum ersten Mal am Loose Moose Theatre, als Keith uns in einem Impro-Training eine Einführung in die quick trance-technique mit Halbmasken gab. Als Improspieler kam ich damals nicht weiter und ich merkte, dass Masken mir eine Möglichkeit boten, mich auf der Bühne lebendig und spontan zu erleben. Die Masken-Charaktere, die ich zum Leben erweckte, konnten Dinge, die ich, Steve, nicht konnte. Allem voran: loslassen!
Wenn ich „Halbmasken höre, denke ich zunächst an die Charaktermasken der Commedia dellArte
Unsere Maskenarbeit ist in gewisser Hinsicht das Gegenteil zur Spielweise der Commedia dellArte, die ja sehr formalisiert wirkt. Keith ist aber der Auffassung, dass auch die Commedia ursprünglich etwas Wildes, Rebellisches hatte. Auch gibt es bei den Masken selbst grundsätzliche Unterschiede. Commedia-Gesichter sind tendenziell archetypisch und stilisiert. Sie haben große Augenlöcher und die Farbtöne verschwimmen nicht, wie bei uns, mit der Hautfarbe der Träger zu einem Gesamteindruck. Unsere Masken zeigen einen starken emotionalen Ausdruck und die Augenlöcher werden mit schwarzem (blickdurchlässigem) Material abgedeckt, damit sich die Spieler dahinter sicher fühlen. Diese Halbmasken-Charaktere sind eher mit der Tradition von Jaques Copeau, Michel St. Denis und George Devine verwandt.
Wie ist die Bezeichnung „trance masks zu verstehen?
Der Name bezieht sich auf den Kontrollverzicht des Maskenspielers über das Handeln der Masken-Charaktere. Das ist vergleichbar mit dem Zustand, bei dem unter Hypnose Ängste und bewertendes Denken entspannt werden können. Die Maskenspieler erhalten hierzu eine Art Erlaubnis; die Unterstützung durch die Gruppe gibt den Spielenden zusätzlichen Rückhalt. Es ist wahrscheinlich dieselbe Form von Gruppenzuspruch, die Hypnose in öffentlichen Shows so effektiv machen kann und weshalb riesige Tanzpartys so befreiend oder Mobs so gefährlich wirken können.
Eine wichtige Rolle spielt der Masken-Begleiter. Er tritt als Autoritätsperson auf, die als solche den Spielern die „Erlaubnis erteilen kann, die Bewertung ihres Handelns nicht selbst vorzunehmen. Dies, zusammen mit der Unterstützung der Gruppe und der visuellen und mythischen Kraft der Maske, ermöglicht es den meisten, in eine Art Trancezustand zu verfallen. Von Anfang an interessierte sich Keith für die kreative Befreiung des Schauspielers/Improvisierers/Autors/Künstlers. Die...

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