Wolf-Dieter Ernst

Maskerade im Theater und im AlltagÜber die enge Beziehung zwischen Maske, Spiel und Körper

Ob Maske als Requisit, Bildmaske oder Ganzkörpermaske unterschiedlichste Masken haben im Theater seit langer Zeit und überall auf der Welt Tradition. Auch im zeitgenössischen Theater spielen Masken eine wichtige Rolle. Gleichzeitig wird es im Alltag immer mehr üblich, sich zu maskieren, den eigenen Körper und das Gesicht als Material zum Anfertigen einer Maske zu betrachten.

Masken und Maskeraden gehören zum Repertoire des zeitgenössischen Theaters, ohne freilich einen prägenden Stil auszubilden. Gruppen wie Gob Squad oder die Needcompany, Regisseure wie Susan Kennedy oder Andreas Kriegenburg verwenden dieses Theatermittel sehr häufig und zu sehr verschiedenen Zwecken. Der Übergang zum Figuren- und Objekttheater sowie zum Musik- und Tanztheater ist dabei fließend, wie etwa in den Arbeiten von Suse Wächter und Giselle Vienne.
Der Einsatz von Masken ist häufig nicht mehr an die dramatische Vorlage und die darin gegebene Psychologie der Charaktere gebunden. Inspiriert vom indischen und asiatischen Theater sowie der Commedia dellArte nutzten die Theaterreformer des frühen 20. Jahrhunderts, wie Edward Gordon Craig, Jacques Copeau, Bertolt Brecht oder Jerzy Grotowski, die Maske und das maskenartige Schminken gezielt, um sich von psychologischen Spielweisen zu lösen.
Erscheinungsformen und Dramaturgien der Maske
Vom Grad der Verwendung her lassen sich vereinfacht gesagt drei Typen beobachten: die Ganzkörpermaske, die Bildmaske und die Maske als Requisit.
Unter Ganzkörpermasken seien Verwendungen verstanden, in denen die Maske maßgeblich den Körper der Darsteller markiert und die über die gesamte Spieldauer getragen wird. Die Inszenierung lässt sich so gänzlich auf eine Maskierung ein und weist damit eine ähnlich starke Ästhetik auf wie das Kabuki, der Kathakali-Tanz oder der Butoh-Tanz. Die Darsteller werden über die Maske zu Kunstfiguren. Paradigmatisch für diesen Ansatz ist etwa Oskar Schlemmers Triadisches Ballett (s. Abb. ).
Eine weitere Verwendung der Maske ist diejenige, in der sie als Bildobjekt verwendet wird. Die Totenmaske oder das Turiner Grabtuch, welches Jesus zeigen soll, wären prägende Beispiele, wie eine Maske als Bildobjekt aufgefasst werden kann. Im Theater kennt man Hamlets Totenschädel, den Hut im Wilhelm Tell. Bekannt sind auch Caspar Nehers Pfähle mit Masken, die das Bühnenbild von Brechts Antigone (1948) darstellen, oder das übergroße Porträt Jesu in der Inszenierung On the concept of the face regarding the son of God (2011) von Romeo Castelluci/Sociètas Raffaello Sanzio. Diese Masken übernehmen die bildliche Repräsentation einer Figur (s. Abb. 1 ). Sie werden aber nicht getragen. Häufig geht es um die Ähnlichkeit zwischen der Maske und den Gesichtszügen, die sie repräsentiert. Aus dieser Logik kann jedes Porträtbild auch als eine Maske, als ein malerischer oder lichtintensiv-fotografischer „Abdruck der Gesichtszüge angesehen werden, was den Maskenbegriff für weitere kulturhistorische Betrachtungen öffnet.
Die letzte und wohl häufigste Verwendung der Maske ist diejenige, in der die Maske als Requisit einer Szene oder einer Figur genutzt wird: Die Maske wird in einzelnen Szenen und/oder nur von einzelnen Darstellern auf- und abgesetzt, um gleichsam zu verdeutlichen, dass nun ein szenisches Spiel beginnt. Die Maskerade gleicht einer Art offenem Auftritt. Drei kurze Beispiele können dies verdeutlichen: In Images of Affection (2004) der Needcompany etwa setzen immer wieder einzelne Darsteller einen übergroßen Kunststoff-Helm mit Langohren auf und verharren dann einen Moment wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange, während um sie herum das dramatische Geschehen pulsiert (s. Abb. 2 ). Die Darsteller, deren Augen nun von der Halbmaske verdeckt sind, verdeutlichen jeweils, dass die Handlung etwas berührt, dem sie sich entziehen wollen. Die Maske...

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