André Studt

„O welche Schönheit! Aber am Gehirne fehlts.

Über die magische Kraft der Maske und was heute noch davon übrig ist.

Der Fuchs und die
Schauspielmaske
Ein Fuchs, der einmal eine
Schauspielmaske fand,
Rief, als er diese mehrfach
hin und her gedreht,
O welche Schönheit! Aber
am Gehirne fehlts.
Dies ist gesagt auf jene,
welchen Ehr und Ruhm
Das Glück verliehen, doch
dafür den Verstand
versagt.
Phaedrus (* um 20/15 v.Chr. † um 50/60 n.Chr.)
Fabularum Liber I
Mensch und Maske dieses Verhältnis ist eines der ältesten, faszinierendsten, interkulturellen (und damit auch: globalen) Motive der Menschheit; es wird aus unterschiedlichsten (Fach-)Perspektiven untersucht und ist, vor allem was die steinzeitlichen Funde anbelangt, ein steter Quell von Interpretationen der kulturellen Verfasstheit des Homo Sapiens. Für den europäischen Kulturraum, genauer: die Aurignacien-Kultur (ca. 35000 – 26000 v.Chr.), liefern Höhlenmalereien etwa in den Höhlen von Altamira und Lascaux dafür eindrucksvolle Belege; sie zeigen unter anderem Masken, Maskentänze, Magier und Maskenträger und regen so zu vielfältigen Interpretationen über deren Funktion, Gebrauch und Nutzen an. Karl Kerényi, Philologe und Religionswissenschaftler, hat die Maske als menschliches „Urgerät bezeichnet, die neben der Funktion, sich hinter ihr verbergen und sich vor ihr erschrecken zu können, noch weitere, nach seinen Worten archaische Eigenschaften zugewiesen bekommt: In ihr zeigte sich der Zusammenhang von Natur und Mensch, wobei Erstere oftmals mit der Sphäre des Göttlichen gleichgestellt wurde, was der Maske einen numinosen, das heißt außerhalb der menschlichen Realität stehenden, Charakter verleiht. Götter und Geister wurden so beschworen, auf Distanz gebracht oder in den Dienst einer Sache gestellt. Die magische Kraft der Maske führte dazu, dass es nicht jedem erlaubt war, sich in ihre Nähe zu begeben, sie anzusehen oder gar aufzusetzen. Kerényi betont die verbindende Funktion, die zwischen der Maske und dem Träger beziehungsweise dem Wesen, zu dessen Darstellung sie sich eignet, aufgebaut wird, was vor allem in der Beziehung zwischen Leben und Tod zum Ausdruck kommt.
Und heute? Die Maske ist vielleicht sogar dem Fund des Fuchses ähnlich eine Hülle, ein funktionales Objekt, das ohne Gehirn und damit verständigem Gebrauch ist. Von Magie, Geheimnis und Schauder ist nur wenig übrig geblieben; Karneval ist (bis auf wenige Ausnahmen) nur noch Filmmotiv (eyes wide shut!) oder Folklore mit Fun-Effekt. Wir Gegenwartsmenschen interpretieren die Maske meist negativ; es gilt, sie abzulegen, um ganz man selber zu sein. So glaubt man, die Maske sei allein dazu erfunden worden, um ihren Träger zu verbergen der Verbrecher nutzt die Maske tatsächlich zu diesem Zweck. Und sind wir, die wir uns Oh! Welche Schönheit! per Profilbild, Tinder-Pose, Selfie-Duckface, Avatar, Smiley und Emojis höchst profan uns selbst und anderen mitteilen, nicht alle Verbrecher an dem kulturellen Kapital, das seit Jahrtausenden in der Maske verborgen ist? Wie kann, wo Narzissmus „Ehr und Ruhm zum Unglück abgelöst hat, der Verstand zurückkehren? Oder anders formuliert: Wie werden Menschen in der Zukunft auf uns schauen, wenn sie an den Wänden von Höhlen nichts von uns finden?

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