André Barz

Auf Geschichten verzichten?

Überlegungen zum Umgang mit postdramatischem Theater im Schultheater

Führt der Einfluss des postdramatischen Theaters dazu, dass im Schultheater sowohl die Entwicklung von Spielfähigkeit als auch die Beschäftigung mit dem Inszenieren dramatischer Vorlagen zurückgedrängt werden? Der Autor erläutert, warum er das für falsch hielte.

Wenn es um den Einfluss des postdramatischen Theaters auf das Schultheater geht, liest man (immer wieder), es käme den spielerischen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler entgegen (etwa Mieruch 2006, S.3). Wenn dieses Argument prägend würde für den „Einzug von Verfahren, die dem postdramatischen Theater zugeschrieben werden, in die Schultheaterarbeit, hielte ich das für fatal. Im Grunde änderte sich die Haltung gegenüber Schülerinnen und Schülern als spielende Subjekte. Dann würde es nicht mehr grundsätzlich um die „Vermittlung gestalterischer Fähigkeiten und Einsichten gehen (Hentschel 1996, S.47), wozu aus meiner Sicht auch die Entwicklung von Spielfähigkeit gehört, sondern theatralische Mittel würden einer wie auch immer konstatierten Spielfähigkeit „angepasst. Damit wäre die Frage nach der eigentlichen Intention von Theater mit Kindern und Jugendlichen neu gestellt.
Das Kind mit dem Bade ausschütten?
Friedhelm Roth-Lange schreibt in seinem Beitrag Mit performativen Formen Spiel-Raum gewinnen: „Inzwischen gibt es nicht nur gute pragmatische, sondern auch theaterästhetische und bildungspolitische Gründe, das Experimentieren mit anderen Theaterformen als denen der abend- und aulafüllenden ‚Inszenierung einer dramatischen Textvorlage in der Theaterarbeit an Schulen aufzuwerten. (Roth-Lange 2016, S.2) Mich beschäftigt in diesem Zusammenhang, woran gedacht ist, wenn von der „abend- und aulafüllenden ‚Inszenierung einer dramatischen Textvorlage‘“ die Rede ist. Was wäre denn, neben dem „Experimentieren mit anderen Theaterformen, gegen das „Inszenieren einer dramatischen Textvorlage einzuwenden? Um welche dramatischen Textvorlagen geht es? Was ist zum Beispiel gerade im hier verhandelten Kontext des postdramatischen Theaters mit dem, was Christel Weiler zu dessen „Entwicklungsgeschichte schreibt: „Im gleichen Zug [der Ablösung des Theaters von der Vorherrschaft der dramatischen Literatur und damit als solche einer fortschreitenden Autonomisierung des Theaters] erfolgt jedoch eine nicht zu übersehende Veränderung dramatischer Schreibweisen selbst, die ihrerseits wiederum dem Theater neue Impulse zuführten. (Weiler 2005, S.247) Ole Hruschka, der in seinem Buch Theater machen für die theaterpädagogische Praxis im Kapitel „Material entwickeln auch „Zeitgenössische Theatertexte anführt, zeigt exemplarisch die Theaterarbeit an Texten von Elfriede Jelinek (vgl. Hruschka 2016, S. 126 – 129). Gehörten solche „post-dramatischen Texte wie eben beispielsweise die Jelineks als mögliche Vorlage einer Inszenierung nicht mitgedacht? Deren Einfluss auf das (postdramatische) Theater dürfte unbestritten sein (vgl. Barz 2009). Und das „Experimentieren mit anderen Theaterformen erlauben sie in jedem Fall, wie Hruschka verdeutlicht (ebd.; vgl. auch Barz 2011, S. 91 – 94).
Was ist darüber hinaus mit der Fülle von Kinder- und Jugendtheatertexten? Sind die im Blick? Wären sie es nicht auch wert, als „dramatische Vorlage, inszeniert zu werden? Das zeigt zumindest das Beispiel des Jugendtheaters der Siegener Gesamtschule Eiserfeld gee whiz!. Unter der Regie von Lutz Krämer inszenierte es 2016 Jens Raschkes Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute (UA 2015 Deutsches Nationaltheater Weimar). Für das Stück erhielt Jens Raschke 2014 den Deutschen Kindertheaterpreis. In der Laudatio dazu heißt es: „In seiner Geschichte schauen die fiktiven Tiere des historisch verbürgten ‚Zoologischen Gartens Buchenwald über den Zaun des Konzentrationslagers und sehen, was die Gestiefelten den Gestreiften antun. Raschkes...

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