1. – 13. Schuljahr

Sabine Kündiger

Bereit, alles zu geben?

Inwieweit sind die Wahrnehmung und der Einsatz des realen Körpers im Schultheater möglich?

Körperarbeit ist eines der zentralen Felder im Schultheater und gleichzeitig besonders schwierig, weil sie für Jugendliche häufig scham- und angstbesetzt ist. Die Autorin geht der Frage nach, wo die Grenzen liegen und unter welchen Voraussetzungen auch extreme Körper-Bilder wie die Darstellung von Lust, echter Gewalt, tatsächlicher physischer Verausgabung und ähnliche postdramatische Phänomene im Erarbeitungsprozess und auf der Bühne möglich sind.

Der (menschliche) Körper mit seinen Haltungs-, Handlungs- und Bewegungsmöglichkeiten bietet eines der zentralen Arbeitsfelder im Unterrichtsfach Theater/Darstellendes Spiel. Durch Arbeit mit ihrem Körper wird den Spielenden deutlich, dass dieser über seine Zeichenhaftigkeit als „Mitwirkender in einem szenischen Vorgang (ich bewege mich, ich handle, ich (ver)halte mich) hinaus eine eigene „Sprache entwickelt, in welcher sie häufig besser „agieren können als mit ihren stimmlichen Möglichkeiten.
Gleichzeitig ist die Körperarbeit erfahrungsgemäß jedoch die schwerste, denn sie ist mehr als es Stimmarbeit, Arbeit mit dem Requisit und/oder Material, mit Texten usw. sind die am meisten scham- und angstbesetzte. Wir arbeiten fast ausschließlich mit Jugendlichen, die sich am Beginn oder mitten in ihrer Pubertät befinden, die ihren Körper in seiner adoleszenten Entwicklung begreifen und annehmen lernen müssen. Nicht zuletzt sind die Unterrichtsgruppen aus Teilnehmenden verschiedener Kulturen oder religiöser Zugehörigkeiten zusammengesetzt, was eine körperliche Herangehensweise zusätzlich erschweren kann. Mit Sensibilität und Vertrauensarbeit gelingt uns Lehrenden im besten Fall das Ergebnis, welches Zuschauer des Schultheaters in Erstaunen versetzt: Die Figuren interagieren ohne Scheu vor körperlichen Berührungen an sich selbst und aneinander, sie rhythmisieren und dynamisieren körperliche Bewegungsprozesse und zeigen Körperhaltungen, in denen sie sich einander und dem Publikum offen und ästhetisch eindeutig wahrnehmbar (keine private Gestik, Mimik, Körperhaltung, kein Verwenden von Klischees oder schamhaftem Verbergen einzelner Körperteile) zeigen.
Hans-Thies Lehmann1 erklärt den „lebendige[n] Körper als „ein komplexes Netz von Triebbesetzungen, Intensitäten, Energiepunkten und Strömen, in dem sensomotorische Abläufe mit aufgespeicherter Körpererinnerung, Codierungen mit Schocks koexistieren. (S. 362) In Lehmanns Sinn können wir Lehrkräfte im Unterrichts- und Probenprozess den Schülerinnen und Schülern eine erste Ahnung davon vermitteln, was es mit dem „komplexe[n] Netz auf sich hat, wir können Wegbereiter einer Decodierung von Körpererinnerung werden und müssen auch auf Auswirkungen von Schocks vorbereitet sein, die solch eine Decodierung mit sich bringt.
Wir sind es gewohnt, dass die Schülerinnen und Schüler in der Regel viele Situationen, die sie darstellen, antizipieren müssen, da sie über eine kürzere Lebenserfahrung verfügen; nicht selten jedoch stellen wir häufig erstaunt und schockiert fest, dass Erfahrungen, von denen wir hoffen, dass weder wir noch unsere Schülerinnen und Schüler sie je machen müssen, bereits vorhanden sind (Missbrauch, Misshandlungen, sexuelle Früherfahrungen etc.). Die jungen Menschen verfügen hierbei nicht wie professionelle Schauspieler über ein Handwerkszeug, mit welchem sie eigene Erfahrungen ausblenden können, sie sind sozusagen ungeschützt ihrem eigenen Blick von sich selbst als Spielenden und dem Blick der Zuschauenden ausgesetzt.
Die Verantwortung des Erwachsenen
Die Unterrichts- und Probenarbeit trifft hier auf ein sehr sensibles Feld: Wenn ich mich und die Kinder und Jugendlichen für intime Gedanken, Prozesse und theatrale Abläufe öffne, wächst parallel dazu meine Verantwortung, denn die Spielenden sind immer meine Schutzbefohlenen. Wenn ich einen...

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