Philipp Schulte

Eine Geschichte voller Missverständnisse

Fünf Thesen zum postdramatischen Theater auf dem Prüfstand

Bald ist es zwanzig Jahre her, dass der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann sein heute zum Standardwerk geriertes Buch Postdramatisches Theater veröffentlicht hat. Kaum eine Idee wurde in der jüngeren Theatergeschichte des deutschsprachigen Raums und international so heiß diskutiert. Doch führen viele Stimmen auch zu vielen Widersprüchen und Vereinfachungen: Anlass, fünf Thesen zum Postdramatischen aus heutiger Sicht zu überprüfen.

1) Das Post-dramatische Theater ist ein Nachfolger des dramatischen Theaters.
Entschiedenes Nein. Im Präfix post- steckt vielleicht die größte Quelle missverständlicher Lesarten des Begriffs. Doch liest man bei Lehmann nach, so ging es ihm nicht darum, ein Theater zu beschreiben, das das dramatische Theater vollständig abgelöst hat oder es ersetzen wird. „Das Adjektiv ‚postdramatisch benennt ein Theater, das sich veranlaßt sieht, jenseits des Dramas zu operieren1, und zwar als Folge der Einsicht, dass das Dramatische nur einen erkennbar begrenzten Teil der Darstellungsmöglichkeiten szenischer Künste abdeckt. Es geht nicht um ein „bloßes Wegsehen von der Drama-Tradition2 beide Tendenzen ko-existieren heute und lassen sich in einer klaren Trennung eher in vielen Debatten über Theater ausmachen als in den meisten künstlerischen Arbeiten selbst.
2) Das Dramatische und das Postdramatische sind zwei vergleichbare Kategorien auf Augenhöhe.
Auch nicht. Die Gegenüberstellung eines Bereichs des Dramatischen und eines des Postdramatischen legt nahe, es handle sich hierbei gleichermaßen um zwei gleich große Tortenstücke, jeweils die Hälfte des Kuchens. Dieses Bild verdeckt aber das historische Faktum, dass es sich einerseits beim Dramatischen zum Beispiel im Anschluss an den Literaturwissenschaftler Peter Szondi3 um lediglich eine spezifische, historisch klar verortbare Form handelt, die durch Merkmale wie das dialogische Sprechen zwischen Figuren, die Behandlung eines Konflikts und dessen Lösung kennzeichnet ist wer vom Dramatischen redet, darf vom Dialektischen nicht schweigen. Und dass das Postdramatische andererseits eine Fülle von Theaterformen beschreibt, die dieser Gattungsform nicht entsprechen. Performancekunst, Musiktheater, szenische Konzerte und Installationen, Spielarten des Objekttheaters, partizipative Formen, epische Ansätze, dokumentarische Versuche all dies und viel mehr sind Erscheinungsweisen des Postdramatischen. Wenn wir also schon von einer Torte sprechen, dann hat sie viel mehr als nur zwei Stücke eines ist dramatisch, alles andere ist aber auch Theater.
3) Postdramatische Formen erlauben es, ein Theater zu denken und zu machen, das nicht vom Primat des (literarischen) Textes ausgeht.
Genau. Denn hierin steckt ein ästhetisches Potenzial: Wenn wir beim Entwickeln eines Stücks nicht länger vom Dramenskript als Ausgangspunkt ausgehen, von dem her sich alles Weitere ergeben muss, dann gewinnen plötzlich alle anderen Theatermittel an Relevanz.
Licht, Sound, Raum, Bewegung von Körpern und Objekten, diskursive Reflexionen, partizipative Situationen die bereits von den Theateravantgarden um 1900 geforderte Gleichbehandlung der Mittel ermöglicht ein Theater der Stückentwicklungen, das weitaus vielfältiger ist, als viele deutsche Stadttheaterbühnen zu zeigen bereit und in der Lage zu sein scheinen. Und auch in den meisten europäischen Ausbildungsstätten für Regie wird eine nicht-dramatische Herangehensweise an Theater weiterhin lediglich als Sonderweg betrachtet.
4) Postdramatische Formen setzen verstärkt auf Anti-Illusion und Authentizität in der Darstellung.
Eigentlich nicht. Der Gedanke mag naheliegen: Wenn dramatische Formen unter anderem am Erzeugen von Illusionen laborieren und sich für psychologisch ausdeutbare Figuren auf der Bühne interessieren, dann hat sich Postdramatisches den Kampf gegen ebenjene Konventionen...

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