9. – 13. Schuljahr

Julian Mende

„Im postdramatischen Theater sind immer alle nackt

Der Einbruch des Realen in den Theaterunterricht

In einer DS-Prüfung zieht sich eine Schülerin vor den Augen der Lehrkräfte aus mit der Wirkungsabsicht, das Publikum aus seiner Komfortzone zu holen, Grenzen zu überschreiten. Anlass für den Autor, über Künstlichkeit und Authentizität auf der Schulbühne, über von Schülerinnen und Schülern selbst gewählte (postdramatische) Darstellungsverfahren und damit einhergehende Intentionen nachzudenken.

Vor dem mündlichen Abitur im Frühjahr 2018 beschloss ich, mit meinem Kurs im November eine Prüfung im gleichen Format durchzuführen. Drei Kollegen erklärten sich bereit, einen Samstag zu „opfern, um vier Prüfungen abzunehmen. Thema war es, Schillers Drama Die Räuber im Sinne postdramatischer Theaterzeichen (Simultanität, Parataxis, Überfülle, Musikalisierung, Einbruch des Realen) umzusetzen.
Vor mir und meinen Kollegen auf dem Tisch Erwartungshorizonte und Schreibmaterial. Auf der Bühne zwei Schülerinnen; es ist unklar, ob die Spielerinnen ihre Szene beginnen oder zunächst letzte Vorbereitungen treffen. Eine der beiden, 18 Jahre alt, beginnt sich zu entkleiden und spricht den Satz „Im postdramatischen Theater sind immer alle nackt. Ihre Mitspielerin, ebenfalls 18 Jahre alt, schaut ins Publikum und zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf uns. Sie ruft ihre Spielpartnerin, die im BH vor uns steht, beim Vornamen: „Das kannst du nicht machen, guck doch, da sitzen unsere Lehrer!
So sitzen wir vier Lehrer in der Doppelrolle als Zuschauer und Prüfer im Publikum. Es folgen weitere Elemente, die sich inhaltlich auf den Aspekt der fehlenden Gottesfürchtigkeit in der Vorrede des Dramas beziehen. Aber die vorangegangene Szene ist noch sehr präsent. Es zerreißt mich. Auf der einen Seite sehe ich hier eine Schülerin, zwar nicht mehr minderjährig, trotzdem eine Schülerin, die sich in einer Szene auf der Bühne entkleidet. Stets predigte ich, dass Nacktheit, gar zu viel Haut, für mich im Bereich des Schultheaters keine Notwendigkeit hat. Man findet unweigerlich andere Wege, bestimmte Wirkungsabsichten zu erzielen.
Ich sehe mich mit mir selbst konfrontiert wo blicke ich hin? Der Moment, in dem die junge Frau im BH halbnackt vor mir steht, ist zwar nur kurz, und trotzdem ist es mir unangenehm. Scham breitet sich aus. Was denken wohl meine Kolleginnen und Kollegen über die Szene, die Situation und über mich und meinen Unterricht? Muss ich die Szene an dieser Stelle beenden?
Auf der anderen Seite erkenne ich aber auch, dass die Schülerinnen Methoden des postdramatischen Theaters kennen und bewusst einsetzen. Sie nutzen den Einbruch des Realen, „die Verunsicherung durch die Unentscheidbarkeit [auf Seiten des Zuschauers], ob man es mit Realität oder Fiktion zu tun hat1. Es funktioniert. Ich bin verunsichert. Wirkungsabsicht erreicht.
Warum Postdramatik speziell der Einbruch des Realen im Schultheater?
Postdramatik auf der Bühne bildet einen Kontrast zur medialen Welt der Schülerinnen und Schüler. Sich selbst zu zeigen, das Reale zu zeigen, ist aktuell nicht en vogue. Die Präsentation der eigenen Person in der Öffentlichkeit ist bei vielen Kindern und Jugendlichen alltäglich. Neue Vorbilder sind Youtuber, Instagramer und Snapchater. Ihnen wird nachgeeifert, und so produzieren Schülerinnen und Schüler ein künstl(er)i(s)ches Abbild ihrer Realität in der digitalen Welt, „die Kunstleistung [wird] dem Publikum durch eine Apparatur präsentiert.2
Diese Apparatur, die auf Distanz ist und „keinerlei persönlichen Kontakt mit dem Darsteller3 eingeht, hat sich seit dem Erscheinen von Walter Benjamins Essay weiterentwickelt. Die Realitätssimulation durch eine Projektion geht heutzutage noch einen Schritt weiter. Kameramann und Cutter fallen weg. Programme auf dem Mobiltelefon ermöglichen ein schnelles Erstellen eines Films, Programme wie Snapchat arbeiten mit Filtern, Weichzeichnern und interaktiven...

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