9. – 13. Schuljahr

Maja Kersten

Im Sturm

Shakespeare postdramatisch angegangen

Eine Inszenierung von „Der Sturm steht an und mit einer Re-Lektüre von Hans-Thies Lehmanns Buch sprudeln die Ideen.

Alle Schuljahre wieder treten wir als Theaterlehrerinnen und -lehrer neu in den Ring mit einem möglichst brillanten Wurf für den Theaterkurs, weitere Ideen kommen, gehen, bleiben aus oder da, der innere Planungsstab tritt zusammen für die externe Großorganisation einer Aufführung. Diesmal: „Der Sturm von Shakespeare in einem Wahlpflichtkurs der 10. Jahrgangsstufe und dann Lehmann lesen. In Ausschnitten.1 Es ist eine Sensation, wie der Vorhang aufgeht und die Ideen, was man alles machen kann, nur so hereinspazieren.
Text als künstlerisches Feld
„In postdramatischen Theaterformen wird der Text, der (und wenn er) in Szene gesetzt wird, nurmehr als gleichberechtigter Bestandteil eines gestischen, musikalischen, visuellen usw. Gesamtzusammenhanges begriffen. (S. 73) Text nicht mehr als Plattform einer Erzählung, sondern als eigenes künstlerisches Feld, mehr so eine Art Experimentierclub. In der Rückbesinnung darauf erscheinen wieder Vorgehensweisen, die irgendwie abgesunken sind, die jetzt die jungen Spieler in eine eigene Kontaktbahn zu Shakespeare bringen können. Zum Beispiel können sie einige Worte aus einem Textabschnitt ihrer Rolle herauslösen und daraus einen eigenen Text schreiben, auch ohne dieselbe inhaltliche Anbindung; zusätzlich könnte eine andere Figur aus ihrer Sicht einen Text aus denselben Stichworten verfassen; gegebenenfalls lässt man das zu einer Reihe mit mehreren Figuren werden und es wäre dann ein bisschen Shakespeare und ein bisschen Schüler-Genius und auf jeden Fall ein eigenes Textkonstrukt, das für sich einen Raum einnimmt und aufhört, hauptsächlich Untertitel der Handlung zu sein. Oder man könnte den Pfad des Monologischen weiterverfolgen: Sätze verschiedener Akteure des Stücks in einen Text bringen, entsprechend der Auswahl der jeweiligen Spieler, aber willkürlich in der Anordnung dies möglicherweise als Handlungsvorgang in der Theateraufführung, bei der die Spieler nach und nach, szenisch motiviert, ihren Satzschnipsel an eine Textwand pinnen, und ein Sprecher diesen Textverschnitt zu gegebener Zeit vorträgt, vielleicht an einem Standmikrofon. Auch dies könnte mehrfach, in immer neuer Textzusammensetzung, mit jeweils neuem Sprecher, wiederholt werden. Überhaupt das Standmikrofon: Warum nicht auch damit Schülertexte als vielfältige Konstruktionsmodelle einbringen: „Warum ich nicht gerne ins Theater gehe, „Wie ich den ‚Sturm inszenieren würde, „Anmerkungen zum Klimawandel“… Dabei steht nicht einmal die inhaltliche Passung im Vordergrund, man könnte auch noch losgelöstere Monologe wagen, denn in dieser Verschiebung liegt ein Reiz, dem Schülerinnen und Schüler durchaus etwas abgewinnen können, nämlich zu überraschen, herauszufordern, unvorhersehbar, auch komisch zu sein: „Der Bruch zwischen Sein und Bedeutung wirkt schockhaft: mit aller Dringlichkeit suggerierter Bedeutsamkeit wird etwas exponiert läßt aber die erwartete Bedeutung dann nicht erkennen. (S. 266)
Die Poetik der Störung
Nicht, dass es solche Einfälle nicht auch vor oder ohne Lehmann gegeben hätte, aber die Freiheit, so mit Theater umzugehen und die Schülerinnen und Schüler in dieses Ideenhochaufgebot mitnehmen zu können, springt durch seine Darstellung und Begrifflichkeiten auf. Was gibt es also noch zu entdecken? Und Hilfe! Was wird das dann für ein Theaterstück? Es schien erst so, als würden wir doch bodenständig und mit ein paar hübschen, kreativen Aufregern den „Sturm inszenieren, aber wo geht das jetzt hin, wenn diese weiten Spiel-Räume aufgemacht werden??
„Wilson sprach bei den Proben zur ,Hamletmaschine davon, der Text Müllers solle seine Bilder ,stören. Pina Bausch bricht die Wahrnehmung des Tanzes auf durch verbale Selbstdarstellungen der Tänzer oder das Benennen der Vorgänge, die sich auf der...

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