1. – 13. Schuljahr

Daniel Behringer

(In)Stabile Räume?

Über die Aneignung postdramatischer Raumsettings im Schultheater

Offene Bühnenkonzeptionen, eine Überlappung von Bühnengeschehen und Publikumsraum können auch und gerade im Schultheater zu spannungsreichen Dramaturgien führen.

Der Raum im dramatischen Theater kann ganz allgemein und gewiss auch etwas vereinfachend als sicher und stabil beschrieben werden. Beide Eigenschaften ergeben sich aus der Behauptung eines kontemplativen Abstands zwischen den Performenden und Zuschauenden. Idealtypisch lässt sich dieser Zusammenhang am Beispiel der konventionellen illusionistischen Bühnenform (Guckkastenbühne) aufzeigen. Während sich das Drama in einer abgeschlossenen Welt auf der Bühne entfaltet, sitzen die Zuschauerinnen und Zuschauer als mehr oder weniger homogener Publikumsblock in Reihen und werden dazu eingeladen, das dichte Gewebe aus Zeichen aus sicherer Distanz zu entwirren. Der Theaterraum als Ganzes ist in dieser Vorstellung präsent, solange das Saallicht an und der Vorhang zu ist. Nach Vorstellungsbeginn verlagert sich die Aufmerksamkeit auf die in sich konsistente Welt innerhalb der Bühnengrenzen. Die strenge Lenkung der Aufmerksamkeit auf das Bühnengeschehen führt letztendlich zu einer Verfestigung des dramatischen Raumes als feststehende und unhinterfragte Größe. Die beiden Welten sind freilich nicht hermetisch voneinander abgeriegelt. Es kann durchaus sein, dass ein Funke beispielsweise eine Gefühlsregung von einem Bereich in den anderen überspringt und diesen unmittelbar beeinflusst. Von diesen kleineren Erschütterungen abgesehen bleiben die Räume im dramatischen Theater aber grundsätzlich stabil. Im besten Fall stellen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer nach dem Theaterabend die Frage, wie sie den dechiffrierten Zeichenkomplex für das „echte Leben „da draußen nutzbar machen können.
Der Raum als Aktionsraum
Im postdramatischen Theater dagegen wird häufig der Kollaps der sich wechselseitig abschließenden Systeme „Publikum und „Bühne forciert. Hans-Thies Lehmann beschreibt in seinem im Jahr 1999 erschienenen Essay anhand von beispielhaften Inszenierungen der 80er- und 90er-Jahre (nach heutigen Maßstäben) frühe Versuche, den Raum als Ganzes zum Gegenstand einer umfassenden Reflexion zu erheben. Er beschreibt Räume, die sowohl für das Publikum als auch für die Performerinnen und Performer ein hohes Konfliktpotenzial beinhalten. Dem „mittleren Raum, den das dramatische Theater in Form einer klar umgrenzten Fiktionsbühne favorisiert, stellt Lehmann als Extreme den Riesenraum und den intimen Raum entgegen. Im ersten Fall erstreckt sich der Raum in einer unüberschaubaren Weitläufigkeit. Die Wahrnehmung des Geschehens auf der entgrenzten Bühne wird hier durch die Wirkmacht des Raumes überschattet. Im zweiten Fall dringt der Bühnenraum auf beinahe aggressive Art und Weise in den Bereich des Publikums ein. Die Aufmerksamkeit der Zuschauenden wird hier mehr auf die Präsenz der Performenden als auf die von ihnen verkörperten Zeichen gelenkt, da sie in unmittelbarer Nähe spürbar und erlebbar sind.
Es ließen sich weitere Beispiele nennen, allerdings würde dies zu weit vom eigentlichen Thema wegführen. Festzuhalten bleibt an dieser Stelle die Gemeinsamkeit der von Lehmann beschriebenen postdramatischen Raumtypen: Sie lassen sich als Aktionsräume definieren, welche die Perspektive des Publikums unmittelbar einbeziehen und es aktiv in das Bühnengeschehen involvieren.
Innovative Raumkonzepte im Schultheater entstanden aus einem Mangel
Nun lässt sich feststellen, dass Labels wie „Performance, „Performativität und „Postdramatik in den letzten Jahren verstärkt Einzug in die Projektbeschreibungen von Inszenierungen im Bereich des Schultheaters gefunden haben. Diese Tendenz zeugt von einer aktiven Auseinandersetzung mit den bestimmenden Diskursen des Gegenwartstheaters. Im Bereich der Raumkonzeption bietet das Schultheater seit jeher...

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