Karl-Heinz Wenzel

Wahrnehmungen zum Stand des Schul- und Jugendtheaters

Im von Jugendlichen gemachten Theater ist eine Entwicklung vom dramatischen Theater zum performativen Theater und weiter zur theatral bebilderten politischen Veranstaltung zu beobachten. Der Autor formuliert unterschiedliche Aspekte dieser Wahrnehmung.

Nur noch chorisch unterlegte Polittalkshows?
Schaut man sich die Jugendtheaterproduktionen etwa auf dem „Theatertreffen der Jugend in Berlin und teilweise auch auf dem „Schultheater der Länder der vergangenen Jahre an, so kann man feststellen, dass sich die Bewegung weg vom komplexen dramatischen Spiel hin zur „performativen und „postdramatischen Gestaltung immer mehr verstärkt hat.
Wahrnehmung 1:
Diskurstheater
Auf der Bühne wird mehrheitlich nicht mehr „gespielt, sondern sagen wir mal „performativ gearbeitet! Unter „spielen soll hier jede (!) szenische Auseinandersetzung zwischen dramatischen Figuren verstanden werden. Und unter „postdramatisch-performativ wird offensichtlich häufig alles andere außer dem „szenischem Spiel verstanden. Was manchmal wie Spiel aussieht, sind dann entweder nur „feigenblattartige Spielfolien („Wir spielen eine Theatergruppe, oder eine Gesprächsrunde, die die aktuellen Probleme der Welt rauf und runter diskutiert) oder ist letztlich nur die Aufteilung von „Textflächen zum Thema auf verschiedene Sprecher, die sich dazu auf der Bühne hin und her bewegen. Das nennt man dann manchmal auch „Diskurs.
Wahrnehmung 2:
Pamphlettheater
Auf der Bühne wird demzufolge nichts mehr tatsächlich verhandelt. Es gibt keine konfliktträchtige Auseinandersetzung mehr zwischen handelnden Figuren (Menschen). Stattdessen wird dem Publikum die feststehende Meinung der Akteure präsentiert.
Wahrnehmung 3:
Elementetheater
Diese Meinung wird manchmal sinnvoll, manchmal sinnfrei mit allerlei „theatralen Elementen bebildert und ausgestaltet (zum Beispiel chorisches Sprechen, gerne an der Bühnenrampe in einer Reihe, choreografische Elemente, Musik natürlich, hochgehaltene Pappschilder und vieles mehr).
Wahrnehmung 4:
Nummerntheater
Die Präsentation geht logischerweise dabei nicht in die Tiefe, sondern bleibt plakativ, flächig bis oberflächig. Eine Nummerndramaturgie ist darüber hinaus die Regel, da Argumente nur noch aufgereiht werden und nicht mehr vertieft oder über Geschichten lebendig werden.
Wahrnehmung 5:
politisch korrektes Theater
Die präsentierten Themen sind in den meisten Fällen sehr global und dabei politisch korrekt gewählt zum Beispiel der Klimawandel, Krieg, Hunger, Sexismus, Kapitalismus und Ähnliches. Sie sind immer so politisch korrekt, dass die Jugendlichen damit überhaupt kein Risiko mit ihrer Meinung dazu eingehen, denn wer will schon ernsthaft für Krieg, Rassismus usw. eintreten.Konkrete Lebensprobleme der Jugendlichen tauchen eigentlich nicht mehr auf, das heißt, das Theater als Spiegel ihrer und die öffentliche Auseinandersetzung mit ihrer Lebenssituation kommt nicht mehr vor.
Wahrnehmung 6:
Zitatetheater
Man versichert sich fast immer der Schützenhilfe angeblicher oder tatsächlicher Experten, was dem Publikum etwa über hochgehaltene Pappschilder mit den Namen der Fachleute, ausgiebige Textzitate oder eingespielte Tonbandausschnitte deutlich gemacht wird.
Wahrnehmung 7:
Lehrtheater
Da es hierbei natürlich keine vierte Wand mehr gibt, wird das Publikum in den meisten Fällen direkt angesprochen. Konkret gesagt, wird es dabei angeklagt, für die Situation verantwortlich zu sein und nichts zu tun. Grundsätzlich herrscht ein belehrender Ton. Die konkrete und direkte Ausrichtung auf die Zuschauer, mit Vorliebe in einer Reihe an der Rampe, erinnert dabei an Frontalunterricht in der Schule.
Dies ist die gekürzte Fassung eines Beitrags, der im kommenden April in der Zeitschrift SPIEL&THEATER, Heft 201, im Deutschen Theaterverlag erscheinen wird. Dort werden auch Erklärungsversuche für diese wahrgenommenen Tendenzen enthalten sein.
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