7. – 13. Schuljahr

Karlheinz Frankl

Ort. Weg. Ziel.

Postdramatische Räume im Theater Jugendlicher

Eine Beschäftigung mit Hans-Thies Lehmanns Untersuchung des Theaterraums gemahnt daran, den Aufführungsort auch im Schultheater sehr bewusst und keinesfalls beliebig zu gestalten.

Postdramatik im Schul- und Jugendtheater, ja die gibts, da sind sich viele Theaterlehrkräfte sicher. Klar, macht ja jeder, der ein wenig avanciert arbeitet und nicht vorgestrige Produktionen auf die Bühne stellen will. Ist ja auch praktisch, funktioniert wie ein großer Baukasten mit etlichen Fächern, in denen diverse Materialien und Werkzeuge liegen. Man bediene sich und schon gehts los! Nur war das so nicht gemeint. Lehmanns „Postdramatisches Theater1 ist weder Katalog noch Gebrauchsanweisung, auch keine Handreichung, sondern Essay und Studie zugleich, wie er im Vorwort zur dritten Auflage seines Buches bemerkt. Speziell um „Postdramatische Raumästhetik, wie Lehmann sie darin beschreibt und analysiert, kreisen meine Gedanken im Folgenden. Während der Lektüre der einschlägigen Kapitel seines Werks tauchten immer wieder Bühnenerlebnisse, Bilder, Szenenfetzen vor meinem inneren Auge auf. Einige davon werde ich unter Maßgabe Lehmannscher Thesen vorstellen und überprüfen. Die besprochenen Beispiele stammen aus zwei Straubinger Schultheater-Produktionen und einem Stück der nicht gecasteten Jugendclub-Gruppe U22 aus Baden-Baden.
Bildräumliche Erfahrung
„Häufig ging die starke Bild- und Raumwirkung mit gesteigerter Dauer der Aufführung eine Verbindung ein. Das führte erst recht zu dem für das postdramatische Theater typischen Raumerlebnis, daß der visuelle Eindruck sich mit den Worten und Gesten im Verlauf der Aufführung gleichsam auflädt. Der postdramatische Raum ‚dient nicht mehr dem Drama, auch nicht in einer politisierenden Aktualisierung. Vielmehr wird umgekehrt der Theatervorgang zur wesentlich bildräumlichen Erfahrung. (S. 291f.)
Mir wurde diese Erfahrung der „Bild- und Raumwirkung 1975 zum ersten Mal bewusst. Von Theater hatte ich, ein Achtklässler, damals keine Ahnung, weder vom traditionellen, noch von einem irgendwie avantgardistischen, als ich erstmals und ziemlich beunruhigt eine Aufführung unserer Schultheatergruppe in der Pausenhalle des Ludwigsgymnasiums Straubing verfolgte. Unter Leitung des Kunsterziehers und Germanisten Josef Freilinger wurde die Eigenproduktion Der böhmische Wind oder: Des Räubers Michael Heigl unabwendbares Los. Ein groteskes Trauerspiel präsentiert. Damals beeindruckte mich vor allem der personal gespielte „böhmische Wind: Auf von Gassenlicht spärlich erleuchteter, kahler Bühne (eine 10 x 8 Meter große, mit fünf Stufen abgesetzte, rechteckige Estrade, von der Treppenhaus und Schulgänge abzweigen) treten sechs barfüßige junge Frauen und Männer in Unterhosen und Unterhemden auf. Sie steigen auf unterschiedlich hohe, schwarze Hocker, greifen dann nach ihren langen Hosen, die sie vor Unterleib und Beine halten, und stehen dem Publikum frontal gegenüber. Zugleich erzeugen sie ein dezentes Pfeifen und Heulen und schwanken auf fixierten Füßen sehr langsam und steif hin und her, wobei die senkrecht nach unten hängenden, losen Hosen gelegentlich nackte Beine entblößen. Aus den Windgeräuschen entstehen allmählich Wörter, dann Satzfetzen, die gerüchteweise das Schicksal des bayerischen Räubers Michael Heigl (1816 – 1857) thematisieren. Ich war fasziniert, wollte wissen, wen oder was die seltsamen Figuren vorstellten, wovon sie sprachen, aber auch, warum sie die Hosen nicht ordentlich trugen, warum sie schwankten, warum sie mich grinsend anstarrten. Es stellte sich heraus, dass diese Gestalten nicht nur Bäume des Bayerwalds vorstellten, durch die der kalte, böhmische Wind strich, sondern ebenso wie Heigl Häftlinge des Münchner Gefängnisses in der Au waren, von denen einer ihn später erschlug. Hier war ein Raum geschaffen worden, den ich heute als postdramatischen wiedererkenne. Der zunächst...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen