Christel Weiler

Postdramatisches Theater eine Re-Lektüre

Ein Rückblick auf Hans-Thies Lehmanns Studie aus heutiger Sicht

Was war mit dieser Bezeichnung „postdramatisch intendiert, was war damit nicht gemeint und nicht zuletzt was lässt sich heute darunter verstehen? Fast zwei Jahrzehnte nach Erscheinen der seitdem in Deutschland wohl meistdiskutierten theaterwissenschaftlichen Publikation „Postdramatisches Theater lohnt es sich, solchen Fragen nachzugehen.

Seit dem Erscheinen von Hans-Thies Lehmanns Studie zum „postdramatischen Theater sind nunmehr beinahe zwanzig Jahre vergangen. Man kann also durchaus sagen, dass das, was er damals beschrieb und reflektierte, in die Jahre gekommen ist. Zugleich ist es lohnend und interessant, noch einmal einen Blick zurück zu werfen, um aus der zeitlichen Distanz vielleicht einen klareren Blick auf das zu gewinnen, was damals für Aufruhr und Zustimmung zugleich sorgte. Die Re-Lektüre mag auch dazu dienen, dem zuweilen inflationären Gebrauch des Begriffs „postdramatisch einige Korrekturen entgegenzuhalten.
Lehmanns Ausgangs- und Anschauungspunkt waren zunächst die Veränderungen im europäischen und speziell bundesrepublikanischen Theater, die im Zeitraum von 1980 bis 1995 wahrnehmbar waren: ein verändertes Verhältnis zum dramatischen Text, eine Verwischung der Grenzen zwischen Theater und Tanz, ein spürbarer Einfluss der bildenden Kunst auf die Gestaltung des gesamten Bühnenraums, neue Körperbilder und nicht zuletzt ein merklicher Einfluss der Neuen Medien auf das, was bis dato unter Präsenz und Sichtbarkeit im Theater zu verstehen war. Er hat das postdramatische Theater keineswegs erfunden, sondern zielte mit seinem Buch darauf, Phänomene zu beschreiben, die auf den Bühnen bereits entfaltet waren, aber noch diffus im Raum der Theorie schwebten, und denen bisher keine brauchbare „Nomenklatur entsprach. So hatte Andrzej Wirth bereits 1987 in einem wenig beachteten Aufsatz in den Gießener Universitätsblättern mit Blick auf die Arbeiten von Regisseuren wie George Tabori, Robert Wilson und Richard Foreman oder der Choreografin Pina Bausch von einem „postdramatischen Theater gesprochen. Der Gedanke wurde aber von Wirth nicht weiter verfolgt und schlummerte in den Archiven der Gießener Universität vor sich hin. Im gleichen Zeitraum hatte Helga Finter Mitte der achtziger Jahre den Versuch unternommen, die Neuerungen des Theaters zu theoretisieren, indem sie dessen „Postmodernität reflektierte. Auch dieser Ansatz wurde nicht systematisch weiter verfolgt. Sowohl für Finter als auch Wirth war allerdings ebenso die Beobachtung ausschlaggebend, dass das Theater der achtziger Jahre sein Verhältnis zum dramatischen Text grundlegend geändert hatte und dies sich in vielfältiger Weise zeigte. Mit dem Erscheinen von Hans-Thies Lehmanns Buch wurden diese Spuren aufgegriffen und zum ersten Mal in einer umfassenden Darstellung präsentiert und weitergeführt.
Die „ästhetische Logik des postdramatischen Theaters
Lehmanns Vorhaben bestand in erster Linie darin, die „ästhetische Logik des neuen Theaters zu entfalten und diese dem interessierten Publikum auf eine eher essayistische als streng theaterwissenschaftliche Weise plausibel zu machen. In der Einleitung schreibt er entsprechend, dass sein Buch auf Nutzung angelegt ist: Er möchte der begrifflichen Erfassung und Verbalisierung der Erfahrung (!!!) mit diesem oft „schwierigen Theater dienen und somit seine Wahrnehmung befördern. Damit kam er vor allem der Theaterkritik und dem interessierten Publikum entgegen, die beide mit der sprachlichen Erfassung dessen, was ihnen auf den Bühnen geboten wurde, ihre Schwierigkeiten hatten. Angesichts von Robert Wilsons ersten Arbeiten konnte man beispielsweise als Überschrift lesen: „Die Kritiker ratlos oder „Rätselbilder Bilderrätsel. Eine häufige Frage von Zuschauern lautete: Was hat das noch mit Theater zu tun? Gleichwohl ging von dem Neuen eine faszinierende...

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