1. – 13. Schuljahr

Klaus Riedel, André Studt

Postdramatisches Theater in der Schule geht das?

Eine kontroverse Re-Lektüre von Hans-Thies Lehmanns Essay

Klaus Riedel ist Theaterlehrer, André Studt bildet Theaterlehrer aus. Beide sind Mitherausgeber dieser Zeitschrift und unterschiedlicher Ansicht darüber, inwieweit postdramatisches Theater in der Schule stattfinden kann. Gemeinsam verantworten sie diese Ausgabe, hier legen sie ihre Standpunkte dar.

Ein Theater in der Schule kann kein „postdramatisches Theater sein
Dass wir, Klaus Riedel, seines Zeichens Theaterlehrer, und ich, André Studt, Theaterwissenschaftler, dieses Heft gemeinsam entwickelt haben, hat man mir zu verdanken. Genauer: meinem Theaterwissenschafts-Ego, dass sich immer noch daran stößt, wenn es von meiner Ansicht nach grundfalschen Begriffsauslegungen des „postdramatischen Theaters im Schultheater hören oder lesen muss. Darin ähnele ich einem innerlich zusammenzuckenden Lehrer, dessen Zöglinge in ihrer eigenen Welt einer eigenwilligen Stoffaufbereitung stecken und dabei Fehler an Fehler reihen (und in gewisser Weise bin ich auch Lehrer, denn immerhin bemühe ich mich im Kontext des Erlanger Erweiterungsstudiengangs „Darstellendes Spiel um eine möglichst korrekte Ausbildung von angehenden oder auch schon praktizierenden Theaterlehrerinnen und -lehrern im Bereich der Theatertheorie).
Auch wenn es bei der Wahrnehmung von Theater nicht um „richtig und „falsch gehen kann, so ist es bei der Theoretisierung von dem, was man Theater nennen kann, anders hier gibt es eine Differenz von angemessener Argumentation und einigen Abwegen davon. Und hier sitzt das Dilemma: Diese Zeitschrift ist kein theoretisches Organ. Sie versteht sich nicht als Bündel von Grundlagentexten für die konzeptionelle Ausgestaltung von Inszenierungsideen, sie will auch nicht Ort einer (primär) akademischen Debatte um die Diskurse des Theatralen im Allgemeinen und derenVerschiebungen beim Transfer in den Bereich des Theaters in der Schule sein. Nein, diese Zeitschrift richtet sich an die Praktiker und deren Praxis. Das ist gut.
Eine rezeptionsästhetische, keine inszenatorische Strategie
Aber wenn diese und das würde man von klassischen Praxis-Artikeln einer Ausgabe von Schultheater erwarten für sich reklamierten, dass die zugrundeliegenden Inszenierungen nach den Bedingungen des postdramatischen Theaters produziert worden seien oder aber deren Kennzeichen aufweisen sollen, dann stimmt etwas mit dem Verhältnis von Theorie und Praxis nicht und das kann nicht gut sein beziehungsweise werden, denn: Der Begriff des postdramatischen Theaters ist durch eine Lücke in der Benennung von bestimmten Theaterformen entstandenn. Das heißt, er war und ist eine rezeptionsästhetische Strategie und kein Phänomen zur Erzeugung von szenischen Konstellationen!
Natürlich kann man sich von den Dingen, die man als postdramatisches Theater bezeichnen kann, zu eigenen Praktiken anregen lassen oder auch versuchen, die erkannten und so benannten Prinzipien zu antizipieren, aber: Der Transfer von wahrgenommenen Wirkungen in konkrete eigene Prozesse und Handlungen ist hoch problematisch und nicht durch reine Setzung oder Behauptung zu haben! Zumal die szenischen Praktiken des postdramatischen Theaters mir weit entfernt von den Möglichkeiten eines Theaters in der Schule scheinen ich mag mich täuschen, aber eine Re-Formatierung oder mimetische Anverwandlung von Dingen, die Hans-Thies Lehmann damals zu seinem Essay inspirierten, erscheint mir für die (pädagogischen, ethischen, juristischen, sozialen ) Rahmenbedingungen, die das Theater in der Schule einfasst, nahezu unmöglich.
Ein Beispiel
Ich möchte das an einem Beispiel erläutern: Als ich während meines Studiums erstmalig mit dem Begriff des postdramatischen Theaters konfrontiert wurde, geschah das in einem theaterwissenschaftlichen Seminar bei der Ansicht einer Videoaufzeichnung von Jan Fabres „Die Macht der theatralischen...

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