9. – 13. Schuljahr

Bettina Tonscheidt

Provokante PräsenzAbweichung von der Norm? Eine autobiografische Performance

Eine Schülerin, deren Körper nicht den herrschenden Normen entspricht, thematisiert den kränkenden Umgang anderer damit im Rahmen einer Performance. Die Autorin schildert den Prozess der theatralen Auseinandersetzung mit dem Thema und entstehende Unsicherheiten.

Es gibt für das Theaterspiel nur einen Grundsatz: Mit dem Risiko leben.1 Dieser Aussage von Hans-Thies Lehmann in Bezug auf die Theaterarbeit mit Jugendlichen stimme ich bedenkenlos zu. Und seit ich mich insbesondere mit Lehmanns Analysen und Überlegungen zum Theater „nach dem dramatischen Theater befasst habe den vielfältigen Formen und Arbeitsweisen des „Postdramatischen Theaters2 also , ist meine Risikofreude bei der Theaterarbeit an der Schule noch gewachsen. Lehmanns Buch und die daraus resultierenden Diskurse in verschiedenen Zusammenhängen haben mich „ermutigt zum Experiment, zur Emanzipation von eigenen „Glaubenssätzen und vor allem: Sie haben mich für das Potenzial sensibilisiert, das eine Theaterpraxis, die von der Gleichberechtigung der verschiedenen Zeichenebenen ausgeht, für Spielerinnen und Spieler hat. Und sie haben mir die Türen zu den Räumen gezeigt, die sich zum Beispiel mit Formen wie Performance und biografischem Theater auftun. Ein Beispiel dazu.
Körperlichkeit ein Grenzgang
Erste Kurssitzung des neu zusammengewürfelten Kurses Darstellendes Spiel in der Q3. Begegnungen mit neugierigen Blicken.
Meine einzige Irritation am Ende der Vorstellungsrunde: Wieso hat sich die sehr korpulente Schülerin mit dem sympathischen Gesicht ich nenne sie Anna3 und der leisen Stimme, deren ganze Körpersprache Unsicherheit und Schüchternheit signalisiert, die immer allein in der Pause auf den Gängen steht, die immer ein Buch hat, in dem sie in den Pausen liest, zum zweiten Mal in einen DS-Kurs eingewählt? Was sucht jemand, der offensichtlich so sehr den Mittelpunkt meidet, auf der Bühne?
Ihre Leiblichkeit ist ein starkes Zeichen, jederzeit im Alltag, auch und vor allem in einer Bühnensituation. Ist ihr das bewusst? Wie gehe ich als Pädagogin und verantwortliche Spielleiterin mit dieser besonderen Art von Präsenz auf der Bühne um? Auf der Bühne erhält Annas Körper eine Zeichenhaftigkeit aufgrund seiner realen „Überfülle. Kann Anna sich darüber hinwegsetzen? Jemand, die so offensichtlich schüchtern ist? Kann das ästhetische Konstrukt einer Aufführung genügend Distanz und damit Schutz herstellen und die Zeichendominanz des Körpers so meine erste Reaktion vielleicht mildern? Wie soll das gehen, besonders im Rahmen einer Performance und dann auch noch mit biografischen Inhalten?
Wen will ich schützen? Die Schülerin? Das Publikum? Mich?
Hans-Thies Lehmann schreibt: „Weithin stellt postdramatisches Theater sich dar als Theater einer autosuffizienten Körperlichkeit, die in ihren Intensitäten, gestischen Potentialen, in ihrer auratischen ,Präsenz und inneren wie nach außen übermittelten Spannungen ausgestellt wird. Hinzu kommt die Anwesenheit des devianten Körpers, der durch Krankheit, Behinderung, Entstellung von der Norm abweicht und ,unmoralische Faszination, Unbehagen oder Angst auslöst. Im Allgemeinen verdrängte und ausgeschlossene Daseinsmöglichkeiten kommen in hochgradig physischen Formen des postdramatischen Theaters zur Geltung und dementieren jene Wahrnehmung, die sich die Welt eingerichtet hat, um den Preis der Ausblendung des Wissens, wie schmal der Bereich ist, in dem das Leben sich ein einiger ,Normalität abspielen kann. (S. 163)
Annas Körper weicht von der Norm zumindest in unserer Kultur ab. Er kann die von Lehmann beschriebenen Reaktionen auslösen. Will ich das einer jungen, heranwachsenden Frau zumuten? Aber: Was ist schon norm-al? Bin ich norm-al?
Probenwochende: Signifikant schiebt sich vor Signifikat
Thema der geplanten Aufführung des Kurses ist die Auseinandersetzung mit der eigenen...

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