1. – 13. Schuljahr

Sven Asmus-Reinsberger

Theater als Musik

Musikalisierung als postdramatisches Theaterzeichen

Ein charakteristisches Merkmal der Stilzüge des postdramatischen Theaters ist nach Hans-Thies Lehmann die Musikalisierung des „Performance Texts, also der gesamten Aufführungssituation. Was ist der Unterschied zwischen klassischer „Musik im Theater und postdramatischem „Theater als Musik und wie lässt sich beides in der Schule nutzen?

Hans-Thies Lehmann1 macht in Bezug auf den Zeichengebrauch deutlich, dass die „Signifikanz der Einzelelemente von der Gesamtbeleuchtung abhängt (S. 145), also letztlich der Gesamtzusammenhang der Aufführung bedeutsamer für eine Einordnung ist als das Zusammentragen vieler einzelner Stilzüge. In diesem Zusammenhang betont Lehmann als übergeordnetes Merkmal besonders den Aspekt „Performance Text (S. 145 – 146).
Lehmann unterscheidet diesen vom sprachlichen Material des „linguistischen Textes (also der Textvorlage eines Autors/Dramaturgen) und des „Inszenierungstextes (also den durch die theatrale Inszenierung veränderten Text etwa durch „paralinguistische Ergänzungen, Reduktionen oder Deformationen (S. 145) der Darsteller, aber auch „Text im erweiterten Sinn unter Einbezug von nicht linguistischen theatralen Zeichen-Ebenen wie Kostüm, Licht, Raum ).
Beim „Performance Text geht es nach Lehmann insbesondere um einen „Typ des Zeichengebrauchs im Theater, der diese beiden Schichten des Theaters [Anm. des Autors: also den linguistischen Text und den Inszenierungstext] von Grund auf umwühlt durch die strukturell veränderte Qualität des Performance Textes: er wird mehr Präsenz als Repräsentation, mehr geteilte als mitgeteilte Erfahrung, mehr Prozeß als Resultat, mehr Manifestation als Signifikation, mehr Energetik als Information. (S. 146) Wenn also im Folgenden vom Stilzug der „Musikalisierung die Rede ist, kann es nicht um eine Gebrauchsanleitung zum Anfertigen postdramatischer Schultheaterinszenierungen gehen (was immer das auch sein könnte), da nicht die verwendeten Zeichen, sondern der geschilderte Gesamtkontext bezüglich einer Kategorisierung von entscheidender Bedeutung ist. Dennoch ist es für die Praxis des Schultheaters unabhängig von Einordnungen und Kategorisierungen aus meiner Sicht ungemein fruchtbar, sich mit den unter „Musikalisierung zusammengefassten „Eigentümlichkeiten des Gegenwart-Theaters auseinanderzusetzen.
Die klassische Rolle von Musik im Sprechtheater
Was aber versteht Lehmann unter „Musikalisierung? „Es geht nicht um die evidente Rolle der Musik und des Musiktheaters, sondern um eine weitergehende Idee von Theater als Musik. (S. 155) Vielleicht erst einmal zur Abgrenzung ein paar Sätze zur evidenten, also angeblich offenkundigen Rolle von Musik im Sprechtheater (wobei die Abgrenzung zum sogenannten Musiktheater, also zu Oper, Operette, Musical, Singspiel und Revue natürlich auch nicht immer trennscharf ist): Mir selbst haben immer am besten die beiden Ordnungssysteme „Wirkung von Musik im Theater und „Musikeinsatz praktisch geholfen. Bei den Unterteilungen hinsichtlich des praktischen Einsatzes von Musik gibt es viele Systeme mir leuchtet zum Beispiel das in Abb. 1 ein.
Hinsichtlich der Funktion unterscheidet man im Theater traditionell
  • Rahmenmusik (z.B. bei Umbauten),
  • Inzidenzmusik (also wenn Musik als Ereignis der Handlung vorkommt z.B. ein Darsteller schaltet ein Radio ein) und
  • Schauspielmusik zur Ausdruckssteigerung (paraphrasierend, polarisierend oder kontrapunktierend).
In Bezug auf die Wirkung wiederum wird bei Filmmusik zwischen vier Haupttechniken unterschieden, die sich auch häufig im Theater wiederfinden:
  • Leitmotiv-Technik (bestimmten Personen, Gegenständen oder Handlungssträngen einer Geschichte werden eigene musikalische Motive zugeordnet),
  • Mood Technik (die Musik unterlegt das Geschehen mit einem eigenen Stimmungsgehalt),
  • Underscoring (das Geschehen wird von der Musik annähernd...

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