1. – 13. Schuljahr

Daniel Burghardt

Acting Like a Girl?

Über die Zusammenhänge von Körper, Raum und Geschlecht

Genderspezifisch sozialisiert bewegen sich Frauen und Männer unterschiedlich im Raum und setzen ihren Körper zu diesem auf verschiedene Weise in Bezug. Das hat auch Auswirkungen auf das Theaterspielen in der Schule.

Mit dem sogenannten Spatial Turn wurde Ende der 1980er-Jahre ein grundlegender Paradigmenwechsel in den Kulturwissenschaften eingeläutet und, neben einer allgemeinen Hinwendung zum Raum, auch verstärkt nach dem Verhältnis von (kulturellen) Körpern zum (relationalen) Raum gefragt. Seitdem ist wieder das wissenschaftliche Interesse an sozialen, geografischen und kulturellen Räumen geweckt. Die Bezugnahmen sind dementsprechend heterogen: Raum und Räumlichkeit werden historisch, politisch, ökonomisch, technisch, medial, virtuell, körperlich, poetisch, physikalisch, architektonisch, geografisch, psychologisch oder ästhetisch analysiert.
In der Pädagogik wird häufig der Zusammenhang von Körper, Raum und Bildung thematisiert. In den geführten Diskursen werden dabei in der Regel sowohl der Körper als auch der Raum als relationale Konstrukte betrachtet, die je nach Jargon als produziert, konstruiert und/oder als performative Praktik gelten (vgl. Löw 2001). Wir können also davon ausgehen, dass Raum und Räumlichkeit nicht einfach vorliegen, sondern auf eine spezifische Weise hergestellt werden; und dies insbesondere durch die Körper im Raum. Der Raum ist kein Container, in dem etwas geschieht oder abläuft, sondern erst die Körper stellen den Raum überhaupt her. Dies kann auf einer Theaterbühne sein, dies kann aber auch wesentlich abstrakter im sozialen Raum geschehen ich werde diese Perspektive im Folgenden geschlechtsspezifisch nachverfolgen. Hervorzuheben wäre hierbei vor allem der phänomenologische Ansatz, der in seinem Bezug auf die wahrgenommenen Objekte raumtheoretisch eine erstmalige Hinwendung zum konkret erscheinenden beziehungsweise erlebten Raum beschreibt (vgl. dazu Dünne/Günzel 2006, S. 105 ff.; Brinkmann/Westphal 2015; Burghardt 2014).
Auf Theorieebene können die hier aufgemachten Diskurse als abgesichert gelten, ziehen sie ihre Legitimation doch häufig aus poststrukturalistischen Debatten, die sich auf große Namen wie Michel Foucault oder Judith Butler berufen. Indes leuchtet die (Schul-)Alltagsrelevanz meist erst auf den zweiten Blick ein. Ein Beispiel aus den Gender Studies soll sie verdeutlichen: Unter dem Aspekt des körperlichen Raums laufen in den Gender Studies performative Praktiken, geschlechtsspezifische Wahrnehmungsweisen sowie körperlich-räumliche Hierarchisierungsformen über binäre Muster zusammen. Historisch ließe sich nachvollziehen, wie entlang der Geschlechter komplementäre Strukturierungen vorgenommen wurden, die sich zwar als neutral auswiesen, jedoch in einem Unterordnungsverhältnis standen: So wurde und wird der weibliche Körper mit Natur assoziiert, ihm ist ein männlich bestimmter körperloser Geist gegenübergestellt. Im Anschluss an Körper vs. Geist sind die bekanntesten Reihungen wohl Gefühl vs. Vernunft, Natur vs. Kultur, Objekt vs. Subjekt und Passivität vs. Aktivität (vgl. dazu Postl 2010, S. 162 ff.).
Unterschiedliche räumliche Wahrnehmung und Problemlösung
Eine genuin phänomenologische Perspektive auf den Zusammenhang von Körper, Raum und Geschlecht verfolgt Iris Marion Young in ihrem 1993 auf Deutsch veröffentlichten Essay Werfen wie ein Mädchen [engl. Throwing Like a Girl] (vgl. Burghardt 2017, S. 98 ff.): Unter Rückgriff auf Simone de Beauvoirs Darstellungen weiblicher Erfahrung und Merleau-Pontys Konzept einer erlebten körperlichen Erfahrung rezipiert sie psychologische Untersuchungen zur Geschlechterdifferenz in der räumlichen Wahrnehmung, der räumlichen Problemlösung und den motorischen Fähigkeiten. Die von Young untersuchten Studien kommen allesamt zu ähnlichen Ergebnissen, aus denen grundlegende Modalitäten weiblicher Körperlichkeit...

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