10. – 13. Schuljahr

Stefan Valdes Tittel

Der Raum als Protagonist

Narrative Spaces Theater ohne Darsteller

Narrative Spaces stellen eine Brücke dar zwischen der Bildenden Kunst und dem Theater: Bezeichnet wird damit ein Theater ohne Performer oder ein Raum, bei dem man das Gefühl hat, dass gerade eben noch jemand hier gewesen ist.

Mona el Gammal, eine Künstlerin, deren Werke als „Narrative Spaces definiert werden können, schreibt auf ihrer Homepage zu dieser Kunstform:
„In diesen geschichtenerzählenden Raum-Soundinstallationen steigt der Zuschauer [] [in den] Austragungsort einer Geschichte. [] [E]in Ort, dessen Einrichtung, Gegenstände und unterschiedliche Geräusche, Gerüche und Lichtschaltungen sukzessiv eine Handlung preisgeben, die sich der Zuschauer individuell erarbeiten muss. [] Er schaut nicht distanziert zu, sondern wird zum Mitspieler, der den Raum mit allen seinen Sinnen erfahren und begreifen muss. Er füllt die Abwesenheit seiner Bewohner aus, setzt die Fragmente der Geschichte zusammen und wird aufgefordert, die Lebensumstände anderer Personen und die Geheimnisse anderer Orte und Zeiten zu erkunden. Im Innern des Narrative Space findet jeder Zuschauer seine eigene Version einer Geschichte. (http://www.monaelgammal.de/index.php/beispiel-seite/)
Mona el Gammal arbeitet dabei beispielsweise mit versteckten Lautsprechern, aus denen Gespräche oder alltägliche Geräusche zu hören sind, die so den Besucher zum Zuhörer einer Handlung machen, oder mit Lichtwechseln, die den Weg durch die Räume weisen und den Zuschauer in eine eigene Welt eintauchen lassen.
Unterrichtseinheit „Narrative Spaces am Beispiel der Geschichte von Natascha Kampusch
Mit einem Theaterkurs des 11. Jahrgangs habe ich die immersive Projektarbeit (s. Kasten „Immersives Theater) zum Thema „Entführung anhand des Falls von Natascha Kampusch mit einer Unterrichtseinheit zu Narrative Spaces begonnen.
kurz erklärt
kurz erklärt
Immersives Theater
Die Erfahrung der Immersion im Theater wird von Josephine Machon mit der des Eintauchens des Kopfes in Wasser in der Badewanne verglichen. Ein leicht nachvollziehbares Bild: Man taucht regelrecht ab in eine andere, scheinbar nicht reale Welt, die doch Teil der Realität ist. Im immersiven Theater werden im Idealfall alle Sinne beansprucht dies jedoch un(ter)bewusst und manipulativ, um einen hyperrealen Raum herzustellen. Es geht darum, den Zuschauer zu einer Art Mit-Spieler als fundamentalen Bestandteil des Konzepts, der Form und des Inhalts zu machen. Seine Funktion geht weit über die der traditionellen, passiven Theaterstück-Zuschauer-Beziehung hinaus. Die Zuschauer sind aktive Teilnehmer, Mitarbeiter und Mit-Gestalter der Performance. Das immersive Theater ist körperlich, sinnlich und partizipatorisch. Es gründet sich aus immersiven Praktiken, die hervorgehen aus der Verschmelzung von installativer Kunst und körperlichem und visuellem Theater. Mit dieser speziellen Form des site-specific (oder site-responsive) theatre lässt sich gut an die Lebenswelt der Schüler anknüpfen. Denn sie kennen sich meist sehr gut in diesen Räumen aus, wenn man eine Analogie zur digitalen Computer-Spiel-Welt herstellt. Solcher Verbindungen bemächtigt sich beispielsweise auch das Medientheaterkollektiv „machina eX: Seine Mitglieder kombinieren in ihrem partizipativen Game-Theater „moderne Technologien mit Mitteln des klassischen Illusionstheaters und schaffen so immersive spielbare Theaterstücke, die zugleich begehbare Computerspiele sind (http://machinaex.de). Andere deutschsprachige Künstlerinnen und Künstler, die im Bereich des immersiven Theaters anzusiedeln sind, sind z.B. SIGNA, Thomas Bo Nilsson, Ligna, Rimini Protokoll, Mona el Gammal. Vor allem die Werke der beiden letztgenannten können als „Narrative Spaces definiert werden.
Literatur: Machon, Josephine (Hrsg.): Immersive Theatres: Intimacy and Immediacy in Contemporary Performance. Hampshire/New York: Palgrave Macmillan 2013.
(Natascha...

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