Christoph Rodatz

Der Schnitt im Raum

Zwischen Distanz und Involviertheit: der Zuschauer im Theater

Nach dem Konzept des „Raums leiblicher Anwesenheit des Philosophen Gernot Böhme wird Raum auch durch ein Sich-darin-Befinden und die Befindlichkeit darin geschaffen. Dabei gestalten die Wahrnehmungen, Stimmungen und Handlungen der im Raum Involvierten den Raum mit. Dies gilt nicht nur für Alltags-, sondern auch für Theater-Räume: Betrachtungen mit Blick auf das Publikum.

Wenn man über Raum oder auch über Theaterraum spricht, so hat jede/r vermutlich eine recht klare Vorstellung davon, was darunter zu verstehen ist: Raum wird dann beschrieben als das, worin wir anwesend sind und worin wir uns bewegen. Das heißt, darin sind Personen und Dinge platziert und setzen sich in ein Verhältnis zueinander oder werden in ein Verhältnis zueinander gesetzt. Mit beidem, der Platzierung und dem In-ein-Verhältnis-zueinander-Setzen, ist ebenso die Möglichkeit verbunden, dass Raum vermessen und damit abstrahiert und mathematisiert werden kann. Ebenso werden mit und im Raum (An-)Ordnungen geschaffen. Anwesenheit, Ordnung und Mathematisierung, das sind drei wesentliche Eigenschaften, die mit Raum assoziiert werden.
Auch mit Theaterraum verbinden wir auf jeden Fall die ersten beiden genannten Eigenschaften: Theater erfordert die gemeinsame Anwesenheit von Akteuren und eines Publikums sowie eine gewisse (An-)Ordnung, die beiden ihren Ort zuweist. Was die Mathematisierung betrifft, so ist diese eher implizit in unsere technisierte westliche Lebenswelt eingeschrieben. Ohne uns dessen bewusst zu sein, setzen wir eine abstrakte mathematische Raumvorstellung, die erst im 17. Jahrhundert entwickelt wurde, mit Raum gleich. Wir übertragen diese verinnerlichte abstrakt mathematische Raumvorstellung auch auf unsere Wahrnehmung, unser Machen von und Sprechen über Theater. Die vorherrschende Abstraktheit lässt uns dabei abrücken und gegebenenfalls besser analysieren. Dabei können wir uns die Frage stellen, was uns wohl von den Künstlern mitgeteilt werden soll. Oder wir erschaffen damit Anordnungen, die zwischen Publikum und Bühne eine klare Trennung vollziehen und ein optimales Sehen und Hören gewährleisten. Denn letztlich ermöglichen uns das Sehen und das Hören, diesen Abstand zu wahren und einen Überblick zu erhalten. Dabei rückt aber in den Hintergrund, was wir eigentlich in unserer Anwesenheit im Raum des Theaters in der gegenwärtigen Wahrnehmung einer Aufführung gespürt, erfahren oder empfunden haben. In der Regel bleibt dies ganz bei uns, und meistens fällt es uns auch schwer, hierfür Worte zu finden oder das eigene Empfinden abgerückt oder analytisch zu (be)greifen.
Damit komme ich nun zu einer anderen Sicht auf Raum, die sich ganz auf die Anwesenheit im Raum konzentriert und den Raum des Theaters vom Publikum aus vorstellt. Ich will darlegen, dass Theater als künstlich hergestellte Situation schon in unserer Alltagswahrnehmung vorkommt und darin Teil unserer Raumwahrnehmung ist. Auch wenn neben der gemeinsamen Anwesenheit die oben beschriebene räumliche (An-)Ordnung erforderlich für Theater ist, so will ich dennoch aufzeigen, dass diese nicht durch eine bauliche Trennung von Bühnen- und Publikumsraum vollzogen werden muss, sondern sich innerhalb spezifischer Wahrnehmungssituationen ereignet, die über eine Betrachtung des Raums leiblicher Anwesenheit beschreibbar werden.
Leibliche Anwesenheit im Raum
Für meine Betrachtungen des Raums des Theaters will ich mich an einem vom Philosophen Gernot Böhme beschriebenen Raumkonzept des Raums leiblicher Anwesenheit orientieren, das er im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit dem Phänomen Atmosphäre ausformuliert. Es handelt sich um ein phänomenologisches Raumkonzept, das von der leiblichen Existenz und der Befindlichkeit im Raum ausgeht. Hierbei greift er die Doppeldeutigkeit des Begriffs Befindlichkeit auf: Befindlichkeit als Hiersein und als sich so und so fühlen bezi...

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