Marie-Luise Lange

Die Magie des entrückten Ortes

Performance Art: Räume sozialen und sinnlichen Experiments

Performances können auf unterschiedliche Art mit den Orten, an denen sie stattfinden, verbunden sein, mit ihnen interagieren und so Bedeutungen verschieben.

Die Ästhetik des Performativen tritt [] aus den angestammten Orten des Artistischen heraus. Sie verlässt das Atelier, das Museum, die für die klassische Moderne reservierten Ausstellungshallen; sie geht auf die Straße, in die öffentlichen Räume. Performationen bilden keine Narrationen, so wenig wie Ereignisse Metaphern oder Botschaften sind. Sie transportieren keine Mission, keine versteckten Anspielungen oder verborgenen Gehalte sie durchkreuzen die symbolischen Ordnungen, sprengen sie.
(Dieter Mersch, S. 232)
Nicht durch das Hauptportal, wie gewohnt, sondern durch den Nebeneingang strömt die neugierige Menschenmenge herein. Da es weder eine Bühne noch ein überschaubares Spielfeld gibt, verteilt sie sich, dennoch nach günstigen Schauplätzen suchend, irritiert im Raum. Derweil stehen, hocken und lehnen die Performerinnen und Performer, ihre Blicke nach innen gerichtet, wie eingefroren auf erhöhten Glasplatten. Die Hektik des Außen kommt langsam zum Stillstand. Zeit für das Publikum, sich nun im Raum zu orientieren. Der Glasboden, den alle betreten haben, gibt den Blick frei auf die untere Spielebene, wo stilllebenähnlich angeordnete Materialien liegen. Von dort wandert der Blick nach oben, wo über dem einstigen Hauptportal in mehreren Metern Höhe eine Glasbalustrade angebracht ist.
Fast unmerklich sammeln sich die Performerinnen und Performer auf der gemeinsamen Glasplattform im großen Mittelschiff des deutschen Pavillons in Venedig und bilden miteinander eine schreitende, raumgreifende Front. Nur zögerlich weichen die Zuschauenden beiseite, auch wenn alle längst begriffen haben, dass sie Teil der Bildszenarien sind.
Performer nähern sich an, berühren sich, verharren minutenlang skulptural-verknotet, sinken herab und beginnen schlafwandlerisch, als seien sie niemals wirklich wach, miteinander zu ringen. Diese schwebende Coolness der im „unerreichbaren Anderswo (Kofman zit. in Rebentisch, S. 26) angesiedelten Präsenz der Performenden prägt die Atmosphäre dieses Ortes. Die sich dezentriert im Raum entfaltenden Bildsituationen entziehen sich bereits im Moment des Entstehens der Kontur manifester Erkenntnisse und verhindern damit nicht nur die Entfaltung linearer Narrationen, sondern lassen auch den historischen Ort den deutschen Pavillon mit seiner faschistoid angelegten Architektur und seiner widersprüchlichen Vergangenheit vergessen.
„Aus einem Raum ästhetischer Latenz (Rebentisch 2017, S. 28) heraus eröffnet sich ein Zustand melancholischen Stillstands und artistischer Depressivität, welcher auf ein aktuelles In-der-Zeit-Sein verweist.
Dieses mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Ereignis, die Performance FAUST, mit der das Team der Künstlerin Anne Imhof auf der 57. Biennale in Venedig täglich im deutschen Pavillon auftrat, bewegte 2017 die Kunstwelt.
Das Performative als Kunst
Performance Art ist eine zumeist live von den Künstlerinnen und Künstlern selbst vorgetragene Kunstform, in der bewegte Bilder entwickelt werden, die über die künstlerisch angestrebten Intentionen hinaus zu Überlagerungen zwischen unterschiedlichen Handlungs-, Zeichen- und Sprachebenen führen. Durch ihre „verkörperten Sinnüberschüsse sprengt Performance Art die Konturierung vorgefertigten Wissens der Zuschauenden.
Grenzüberschreitend zwischen den Kunstgattungen wie auch zwischen den ästhetischen Ereignissen des Alltags und den uns umgebenden natürlichen, künstlichen und sozialen Räumen agierend, experimentiert das Performative mit der Produktion ganzheitlichen Wissens, welches sich über das Empfinden für bildhafte, klangliche und energetische Atmosphären, besonders aber über die Wahrnehmung der räumlich-architektonischen Kontexte entwickelt.
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