1. – 13. Schuljahr

Joanna Merete Scharrel

Keine Bühne, kein Theater?

Den Mangel an Räumen zur Chance machen

Wer sich im eigenen Schulgebäude und in dessen Umgebung auf die Suche nach Spielorten macht, entdeckt womöglich Räume, die zu Theater anregen, ganz besondere Ideen anstoßen und die schuleigene Theaterlandschaft bereichern können.

Geschafft! Der Vorhang schließt sich. Tosender Applaus. Die Schülerinnen und Schüler verbeugen sich stolz. In den Gesichtern der Eltern ein zufriedenes Lächeln. Der Förderverein und die Schulleitung klopfen sich auf die Schultern. Die Investition in die neue Bühne und das teure Equipment haben sich gelohnt. Eine wirklich gelungene Schultheaterproduktion in einem der zahlreichen Schultheaterräume wie Aula, Studiobühne, Theatersaal. Wie aber soll man als Theaterlehrerin oder -lehrer handeln, wenn in der Schularchitektur gar kein Raum für Schultheater vorgesehen ist?
Man könnte ausweichen: Mieträume, Kellerräume, Turnhallen, Schulkantinen. Irgendein Flur wird doch schon gehen. Man könnte retuschieren: wackelige Podeste als Prothesen, Vorhänge als Wundverband, Bühnenkulissen als Krücken, die Ersatz-Bühne als Implantat im Schulgebäude. Das ist eine durchaus vertretbare Reaktion auf den Mangel eines Theaterraumes im Schulgebäude und kann bisweilen eine praktikable Lösung sein.
Man könnte aber auch einen anderen Weg gehen: Dass Theater nicht zwingend an eine Guckkastenbühne gebunden sein muss, zeigen zahlreiche historische und zeitgenössische Theaterformen, die mit anderen Orten auf unterschiedlichste Weise arbeiten. Anstatt also eine fehlende Guckkastenbühne zu simulieren, wäre es durchaus denkbar, den Mangel auch als Chance zu begreifen und sich auf die Suche nach anderen Orten für die schulpraktische Theaterarbeit zu begeben.
Wie begibt man sich aber auf eine solche Suche nach anderen Orten? Im Folgenden werden anhand von Fragen verschiedene mögliche Wege skizziert, die Impulse für die schulpraktische Theaterarbeit geben und Suchbewegungen an der eigenen Schule begleiten können.
Einen zum Stück passenden Ort finden
Als eine erste Möglichkeit ließe sich zum Beispiel das Theaterstück an einen anderen Ort verlegen, wenn dieser zum Inhalt des Stücks passt oder auch die Idee des Stücks kontrastiert: Spielen Dürrenmatts „Die Physiker hinter dem Präsentationstisch im schulischen Physiksaal mit Blick auf das in den hölzernen Stuhlreihen sitzende Publikum? Oder sprechen Kilton, Eisler und Möbius den Schlussmonolog in drei im Schulfoyer aufgestellten Telefonzellen? Es könnte also dramaturgisch gewinnbringend sein, den zentralen Konflikt dem anderen Ort gegenüberzustellen und nicht auf eine Illustration oder Passung zu setzen.
Den Klassenraum umfunktionieren
Zahlreiche Profi-Theater haben sich den Klassenraum als Spielraum zu eigen gemacht. Die Schülerinnen und Schüler sitzen auf ihren gewohnten Plätzen, blicken auf die Tafel, die zur Bühne wird, und erleben eine Form der Inszenierung, die weit entfernt vom Alltagsgeschehen ist. Was passiert aber, wenn der Klassenraum von Schülerinnen und Schülern als Theaterbühne bespielt wird? Lassen sich die Schultische so stapeln, dass sie Peer Gynt als Berglandschaft dienen? Können die Stühle als mobile Bühnenteile genutzt werden? Kann der Overhead-Projektor als Scheinwerfer dienen? Vielleicht lässt sich die Raumverdunklung auch wie ein Lichtpult einsetzen oder die grüne Schultafel als Bühnenrückwand nutzen. Peer Gynt könnte auf dem Pult stehend aus seiner Fantasiewelt berichten und die heruntergekommene Behausung als strahlend empfinden.
Video- und Soundtechnik nutzen
Das Erzeugen eines theatralen Raums kann durch den Einsatz von Video- und Soundinstallationen gelingen (vgl. hierzu den Beitrag „Räume in bewegten Bildern auf S. 16). Kann eine weiße Wand oder ein Treppenhaus als Projektionsfläche oder ein hallender Flur mit im Raum arrangierten Sound-Cubes so genutzt werden, dass eine weitere Spielebene entsteht? In welchem Verhältnis stehen dann...

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