Dorothea Pachale

„mitten in das scenische geschehen hineingerissen

Erwin Piscator, Walter Gropius und das Totaltheater

Das von Bauhausleiter Gropius für den Theatermacher Piscator entworfene Totaltheater wurde zwar nie gebaut. Doch auch der Entwurf regt bis heute dazu an, über die Bedeutung des Raums für die Funktion und Wirkung von Theater nachzudenken.

1927 werden dem Theatermacher Erwin Piscator finanzielle Mittel in Aussicht gestellt, um ein eigenes Theater zu gründen. Doch um seine revolutionären Vorstellungen von Theater zu verwirklichen, braucht er eigentlich ein eigens dafür konstruiertes Theatergebäude. Nach Piscators Vorstellungen entwirft Walter Gropius, der Leiter des Bauhauses, den Plan für ein neuartiges und technisch hochmodernes Theater, das Totaltheater. Die immensen dafür veranschlagten Kosten lassen das Projekt scheitern, das Totaltheater wird nie gebaut. Doch auch der Entwurf regt bis heute dazu an, über die Bedeutung des Raums für die Funktion und Wirkung von Theater nachzudenken.
Kaum noch handhabbare Bühnenaufbauten
Geprägt von seinen Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg entwickelt sich Erwin Piscator in der Weimarer Republik zu einem der politischsten Theatermacher seiner Zeit. Theater soll sich nach seiner Vorstellung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen befassen, es soll gerade die Arbeiterklasse aufrütteln und zu einer Veränderung der Verhältnisse beitragen. Dabei arbeitet er mit Bühnenbildelementen, die die bestehenden Theatergebäude an die Grenze der Bespielbarkeit bringen, wie beispielsweise einem Gerüst mit mehreren Spiel- und Projektionsebenen in „Hoppla, wir leben! (1927) oder einem Laufband in der „Schweijk-Inszenierung (1928).
Wie sein Bühnenmeister Otto Richter anschaulich schildert, fehlt es für die schweren und aufwendigen Bühnenaufbauten an Lagerräumen und Hebevorrichtungen, sodass jeder Bühnenumbau im wahrsten Sinne des Wortes zum Kraftakt wird.1 Doch nicht nur pragmatische Aspekte, zu denen auch die Zahl der Zuschauerplätze und die damit verbundene wirtschaftliche Rentabilität gehören, machen für Piscator einen Theaterneubau notwendig, sondern auch der ideologische Zusammenhang von Theaterarchitektur und Gesellschaftsstruktur:
„Die Bühnenform, die unsere Zeit beherrscht, ist die überlebte Form des Absolutismus das Hoftheater. Mit ihrer Einteilung in Parkett, Ränge, Logen und Galerie spiegelt sie die soziale Schichtung der feudalistischen Gesellschaft wider. Diese Form mußte in dem Augenblick in Widerspruch zu den eigentlichen Aufgaben des Theaters treten, in dem die Dramatik resp. die gesellschaftlichen Verhältnisse eine Änderung erfuhren. Wenn ich mit Walter Gropius zusammen an die Skizzierung einer den veränderten Verhältnissen angepaßten Theaterform ging, so geschah dies nicht einfach aus dem Gesichtspunkt einer technischen Erweiterung oder Ergänzung, sondern in dieser Form drückten sich zugleich bestimmte soziale und dramatische Verhältnisse aus.2
Neue Bühnenformen
Das Theatergebäude, das Gropius mit dem Totaltheater entwirft, zeichnet sich neben der Verwendung moderner Baumaterialien vor allem durch seine Variabilität und Mobilität der Bühnenformen als innovativ aus: Es gibt eine dreiteilige Tiefenbühne, vor der eine Prosceniumsbühne aufgebaut werden kann. Durch eine 180°-Drehung der vorderen Zuschauerreihen ist die Umwandlung in eine kreisrunde Arenabühne, die von den Zuschauerreihen umfasst wird, möglich.
Das Besondere an dieser Kombination verschiedener Bühnenformen ist, dass sie auch während einer Vorstellung reibungslos umgewandelt werden können. Aufzüge, Seilzüge und Treppen sowie ein Gang, der den ovalen Zuschauerraum umfasst, ermöglichen Auftritte der Darsteller und den schnellen Wechsel von Bühnenbildelementen und Requisiten aus den unterschiedlichsten Richtungen. Zweck der flexiblen Anordnung ist zum einen, den Regisseuren größtmögliche Gestaltungsfreiheit in der Raumnutzung zu ermöglichen. Zum anderen ist das...

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