rezension

Mit dieser vordringlich an Studierende der Theaterwissenschaft gerichteten Publikation zeigen Christel Weiler und Jens Roselt sehr eindrucksvoll, dass die Aufführungsanalyse immer noch als „Königsdisziplin und Alleinstellungsmerkmal der Fachwissenschaft des Theaters mit all seinen Spielarten bezeichnet werden kann. Auch wenn, wie die Autoren ganz zu Beginn ihrer knapp 400(!)seitigen Einführung(!) einigermaßen frohgemut einräumen, Theater „selten populär sei und gegenüber seinen Mitbewerbern im Feld von (individueller) Freizeitgestaltung, Aufmerksamkeitsökonomien und Erzählweisen menschlicher Existenz als „schwerfällig und anachronistisch bezeichnet werden müsse, gilt es eine „Propädeutik des Zuschauens zu entwickeln, die „die Wahrnehmung des Analysierenden als Ausgangspunkt eines Reflexionsprozesses in den Fokus rücken will. „Dabei wird von einem weiten Verständnis von Aufführungen als kulturelle Ereignisse ausgegangen, das sich von der kultur- und geisteswissenschaftlichen Debatte um die Theorien und Praktiken des Performativen herschreibt.
Im Ergebnis bedeutet dies die endgültige Abkehr von der vielleicht schulischen Lesart einer Aufführung als Träger (vor-)bestimmter und letztlich normativ zu fassender Bedeutungen, die nur noch das in Szene setzt, was traditionell als Drama beziehungsweise Textvorlage angelegt ist. Vielmehr geht es den Verfassern darum, eine grundsätzlich subjektive und offene Haltung zur Aufführung zu entwickeln, die den Analysierenden „selbst als einen Teil des Ereignisses denkt und sich von der Vorstellung verabschiedet, „es gäbe ein objektives Ergebnis der Analyse, das allen Anfeindungen standhält. Dass dabei nicht „die ‚eine Methode der Aufführungsanalyse aufgezeigt werden kann, liegt angesichts der „Vielfalt des zeitgenössischen Theaters und der damit einhergehenden „Komplexität des Forschungsobjekts auf der Hand. Jedoch bieten Weiler und Roselt eine überzeugende Systematik, die sowohl die historische Genese der Aufführungsanalyse und ihre wechselnden Schwerpunkte innerhalb der Fachentwicklung als auch einzelne Parameter des zu Analysierenden abstrakt im Hinblick auf die „methodischen Herausforderungen der Aufführung, was den Status des Publikums, die sinnliche Struktur und den prekären Charakter der Aufführung als (Kunst-)Werk anbelangt; konkret mit Blick auf die Kategorien Raum, Figur und Verhältnis zum Text thematisiert.
In einem durchweg gut lesbaren und an vielen aktuellen Aufführungen aufgezeigten Panorama von Möglichkeiten, Aufführungen wahrzunehmen, geht es den Verfassern darum, ein Sensorium von angemessenen beziehungsweise unrichtigen Annahmen an das Wahrgenommene zu entwickeln. Dies zeigt sich bereits im Umgang mit den Vorarbeiten für eine Analyse den Erinnerungsprotokollen, die man nach einem Besuch einer Aufführung anfertigen sollte (und die sich sehr gut in den schulischen Theaterunterricht integrieren ließen Beispiele dafür findet man auf einem extra eingerichtetem Link auf der Verlagsseite). Diese spezifische Schreibarbeit transformiert ein szenisch artikuliertes Wissen in ein individuelles Vokabular (und damit subjektives Wissen), welches nicht nur ein Verhältnis von Verstehen und Nicht-Verstehen aufzeigt, sondern auch eigene Schwerpunkte durch die Markierung von Beziehungen und Verknüpfungen, Auslassungen und die Betonung von scheinbar Randständigem zu setzen imstande ist. Erst hierdurch entsteht der Diskurs des Theaters, der die Aufführung zeitlich entgrenzt, indem durch die Suche „nach richtigen Worten und treffenden Formulierungen () das vielschichtige sinnliche Geschehen zur Sprache gebracht wird. Dies scheint gerade in Zeiten von digitaler „Sofortness, die wie die Autoren abschließend leider nur kurz skizzieren eben auch einen Wandel der Theaterkritik durch Internetportale wie „nachkritik verursacht und damit oberflächigen Reflexen, Fake-News und den Unwägbarkeiten einer meist anonymisierten...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen