1. – 13. Schuljahr

Thore Witthöft

Unter Unbeteiligten

Spielen im öffentlichen Raum

Verlässt man auf der Suche nach neuen Spielorten das Schulgelände, betritt man Räume, die ganz eigene Regeln haben.

Ein Beispiel: Eine Theater-AG bekommt die Gelegenheit, das Stadtfest mit der Präsentation einiger Sketche zu bereichern und eine gehörige Gage von der ortsansässigen Stadtmarketinggesellschaft dafür in Aussicht gestellt. Die Aufführung ist im Programmheft des mehrtägigen Stadtfestes vermerkt, Spielort ist eine Pontonbühne, die im Stadtsee etwa zehn Meter vom Ufer entfernt schwimmt. In das steil aufsteigende Ufer sind Bänke wie in einem Amphitheater eingelassen. Die Stadt hat einen professionellen Tontechniker engagiert, die Spielerinnen und Spieler sind mit Funkmikrofonen ausgestattet. Leider schwimmt der Ponton nur fünf Meter vor einer riesigen Fontäne, die sich nicht einmal für die Dauer der Aufführung abschalten lässt
Zweites Beispiel: Eine schulische Theatergruppe wird gebeten, im Rahmen eines Schulkulturfestivals im öffentlichen Raum etwas zu zeigen. Recherchen vor Ort ergeben, dass sich vor der Veranstaltungshalle eine große Kreuzung mit einer Ampelanlage befindet, die Fußgängern gerade einmal sechs Sekunden Zeit gibt, die vierspurige Straße zu überqueren. Die Theatergruppe beschließt, dies zu ihrem Thema zu machen, und bereitet eine Performance zur Eröffnung des Festivals vor. Elemente darin sind beispielsweise:
  • Das reglementierende Moment der Ampel wird durch Megafon-Durchsagen verstärkt.
  • Den wartenden Autofahrern werden auf Texttafeln Fragen zum Thema „Zeit und „Warten entgegengehalten.
  • Einige Spieler solidarisieren sich mit den gehetzten Fußgängern und helfen ihnen über die Straße.
  • Gerahmt wird das Geschehen durch eine Viererguppe, die sich in verschiedenen Formationen mit dem architektonischen Raum in Beziehung setzt.
Drittes Beispiel: Ein DS-Kurs plant eine Inszenierung zu Gorkis „Nachtasyl. Ausgehend von der Klientel des Nachtasyls und überschattet von der Tatsache, dass während der Produktion ein Obdachloser vor einer nachts verschlossenen öffentlichen Toilette erfroren ist, wird als öffentlicher Spielort ein Ort im öffentlichen Raum gewählt, nämlich jene Stelle, an der sich im Sommer die Heimatlosen und Benachteiligten der Gesellschaft zum Trinken treffen. Der Raum besteht aus zwei Spielflächen: einem erhöhten Holzsteg von etwa 40 Quadratmetern Größe auf der Westseite und einer betonierten Freifläche von etwa 60 Quadratmetern, die von einer erhöhten Betonbank zu drei Seiten umrahmt wird, auf der Ostseite (s. Foto S. 21). Beide Spielflächen werden in Nord-Süd-Richtung durch einen stark frequentierten kombinierten Fuß- und Fahrradweg getrennt. Zur Aufführung ist einerseits eingeweihtes Publikum geladen, zum anderen verweilen Passanten unterschiedlich lang, um der Produktion beizuwohnen.
Verschiedene Spielorte verschiedene Bedingungen
Im ersten Beispiel wird eine Produktion lediglich im öffentlichen Raum aufgeführt, sie besitzt keinen Bezug zu ihm. Im Gegenteil: Beeinträchtigende Faktoren wie die ungünstige Akustik, schlechte Lichtverhältnisse und die vielen vorbeilaufenden Passanten auf einem Volksfest sprechen gegen eine Aufführung an einem solchen Ort (s. Tipps).
TIPPs
TIPPs
Checkliste
Wer einen Auftritt an einem öffentlichen Ort plant, sollte vorher einige Dinge klären:
  • Ist für diesen Ort als Spielort eine Genehmigung erforderlich?
  • Können an diesem Ort vorherige Proben stattfinden?
  • Welche Störungsquellen gibt es und lassen sie sich ausschalten? (Zum Beispiel: Kann die nebenan spielende Feuerwehrkapelle so lange pausieren? Lässt sich die Fontäne im Stadtsee abstellen?)
  • Ist eine Verstärkeranlage notwendig?
  • Wie muss die Inszenierung gegebenenfalls an die örtlichen Bedingungen (Bühnenbeschaffenheit, Licht, Akustik) angepasst werden? (Etwa durch Reduktion von Sprache, Mikrofoneinsatz, Reduktion der Aufführungsdauer.)
  • Werden eine Bühnenkonstruktion und/oder ein definierter Raum für die...

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