André Studt

Über das performative Herstellen von Räumlichkeit und räumlichen Anordnungen

Gedanken über das Entstehen von Räumen durch ihre Gestaltung, Betrachtung und Nutzung von Menschen anhand einer Rekonstruktion der Leseeindrücke zur Studie „Raumsoziologie von Martina Löw.

Wann ist Raum?
Das Staatstheater Nürnberg war vor einigen Jahren gezwungen, anlässlich dringend notwendiger Sanierungsarbeiten einige Behelfsspielstätten im Stadtraum von Nürnberg einzurichten. Dabei nutzte es einen der beiden Kopfbauten der (seinerzeit unvollendet gebliebenen) Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Dies war für mich ein Anlass, systematisch über das Verhältnis von Raum und dort platzierten Handlungen nachzudenken.
theatre on location locational theatre
Anknüpfend an die Überlegungen zum Begriff der „Atmosphäre bei Gernot Böhme, die sich die Theaterwissenschaft (z.B.über die „Ästhetik des Performativen von Erika Fischer-Lichte) zu eigen gemacht hat (s. auch „Der Schnitt im Raum, S. 40), formulierte ich damals eine Nutzungsdifferenzierung zwischen einem „theatre on location und einem „locational theatre: Ersterem dient der Raum lediglich als Kulisse, wobei die Raum-Wahrnehmung meist ganz pragmatisch auf das dekorative Potenzial bezogen bleibt; Letzteres berücksichtigt die Texturen des Raumes und verbindet die szenischen Handlungen mit deren spezifischen Charakteristiken. Diese Gegenüberstellung einer eher oberflächlichen versus einer die Tiefenstrukturen berücksichtigenden Raumnutzung erschien mir gerade vor dem Hintergrund der Geschichtlichkeit dieser besonderen Räume als erforderlich; sie sollte bei der Analyse von Theater-Aufführungen, die in diesen Räumen realisiert wurden, ein weiteres Kriterium einer kritischen Beurteilung etwa im Hinblick auf die sichtbar werdende Erinnerungspolitik entwickeln.1
Raum als mentale Handlung
In diesem Zusammenhang lieferte mir die Studie von Martina Löw zur „Raumsoziologie (Frankfurt am Main, 2001) maßgebliche Impulse: Löw entwickelt dort das Ziel, „eine Soziologie des Raumes zu formulieren, die auf einen prozessualen Raumbegriff, der das Wie der Entstehung von Räumen erfasst, aufbaut (S. 15). Sie wendet sich dabei „gegen die in der Soziologie übliche Trennung in einen sozialen und einen materiellen Raum, welche unterstellt, es könne ein Raum jenseits der materiellen Welt entstehen [sozialer Raum], oder aber es könne ein Raum von Menschen betrachtet werden, ohne dass diese Betrachtung gesellschaftlich vorstrukturiert wäre [materieller Raum] (ebd.) und geht davon aus, dass Raum als mentale Konstruktion sowohl materielle als auch symbolische Komponenten aufweist. Dieser Dualismus kann als eine Synthese aus Handlungs- und Systemtheorie verstanden werden; ein derart entwickelter Raum-Begriff soll ihr dabei helfen, soziale Wirklichkeiten konkret beschreiben und theoretisch analysieren zu können. Löws zentrale These lautet, dass „Raum eine relationale (An)Ordnung sozialer Güter und Menschen (Lebewesen) an Orten (S. 224) ist, wobei die Konstitution des Raums „durch zwei analytisch zu trennende Prozesse, die Syntheseleistung und das Spacing (ebd.) erfolgt.
„Spacing und „Synthese
Mit Spacing ist das Platzieren, Errichten, Bauen oder Positionieren von Gebäuden, aber auch von beweglichen Gütern gemeint. Diese Elemente werden subjektiv wahrgenommen wobei Faktoren wie Annahmen, Vorstellungen, Erwartungen, Erinnerungen die Wahrnehmung beeinflussen und dabei in ein spezifisches Verhältnis zueinander gebracht. Diesen Verknüpfungsprozess bezeichnet Löw als Synthese.
Im alltäglichen Handeln können die beiden Prozesse allerdings nicht voneinander getrennt werden. Zudem lässt die menschliche Anwesenheit Räume erst entstehen die durch Spacing (eine inszenatorische (An-)Ordnung) und Synthese (ein relationales Interpretieren dieser (An-)Ordnungen) gefasst werden. Schließlich ist dieser Vorgang in Wahrnehmungsroutinen eingebettet...

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