1. – 4. Schuljahr

Peter Heeren unter Mitarbeit von Anne Steiner

Chiara statt Fibel

Lesenlernen mit Theater

Theaterspiel ermöglicht nicht nur ästhetische Erfahrungen und den Erwerb performativer Kompetenz, es kann auch das Lesenlernen unterstützen. Denn die Umsetzung eines schriftlichen Theatertextes in körperliche Darstellung auf der Bühne macht die Bedeutung schriftsprachlicher Symbole und Zeichen sinnfällig erfahrbar.

Kinder kommen mit großen Erwartungen in die Schule: Sie wollen lesen, schreiben und rechnen lernen, am besten gleich und sofort. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie dabei Hindernisse zu überwinden haben: So bedeutet z.B. der Wechsel vom Kindergarten in die Grundschule einen Statuswechsel: Die Kinder sind plötzlich nicht mehr die Größten, sondern die Kleinsten. Und das Durchhalten eines Schulvormittags mit seinen langen Arbeitsphasen bedeutet eine hohe Konzentrationsleistung und Anstrengung.
Zu Beginn meiner Lehrertätigkeit musste ich erkennen, dass mir meine traditionelle Ausbildung nur rudimentäres Rüstzeug an die Hand gegeben hatte, die Schülerinnen und Schüler bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zu unterstützen. Dazu kam, dass die für sie vorgesehenen Arbeitsmaterialien das Lernbedürfnis der Erstklässler nicht sonderlich berührten. Es langweilte sie und sie blieben nur am Ball, wenn ich sie als Animator begeisterte. Das wiederum war unbefriedigend für mich. Ein Text von Rudi Erlacher über den ästhetischen Modus der Welterschließung half mir schließlich, eine neue Dimension in meine Vorgehensweise zu bringen.
Attraktive Gestalten motivieren zur Kulturaneignung
Erlacher stellt die Hypothese auf, dass kulturelle Evolution nur möglich ist, wenn die bestehende Kultur an die nächste Generation weitergereicht wird. Kultur versteht er dabei als das gesamte Repertoire an Sprache, Techniken, Normen etc., um eine Gesellschaft am Leben zu erhalten. Kinder haben noch kein Wissen von diesen Praktiken und Artefakten, Bedeutungen und Vorteilen. Damit beginnt unser Problem als Lehrer: Wie sollte die heranwachsenden Generation ein Interesse haben, sich die bestehende Kultur anzueignen? Dieses strukturelle Nichtinteresse bezüglich des Bestehenden nennt Erlacher das intergenerationelle Paradoxon.
Aus der für uns naheliegenden Sicht des interessierten Lernens ist somit eine Aneignung der bestehenden Kultur und damit eine kulturelle Evolution überhaupt nicht möglich. Der evolutionäre Trick, dieses Paradoxon zu überwinden, ist der Modus des Ästhetischen. Nur attraktive Gestalten, nicht Bedeutungen können die Neugier der Kinder erwecken. Diese Neugier weckt den Wunsch, sich dieses noch Unbekannte, Geheimnisvolle sukzessive in ihre bereits erschlossene Welt einzubauen. Das hat zur Folge, dass Kinder sich über diesen Weg die bestehende Kultur aneignen.
Mit dieser Erkenntnis ergaben viele der kindlichen Handlungs- und Reaktionsweisen Sinn. Ein gut vorbereiteter Unterricht, der sich am Interesse orientiert, aber nicht die Attraktivität der kindlichen Welt berührt, wird oft nicht begriffen und abgelehnt. Außerdem wollen Kinder keine kleinen Häppchen serviert bekommen, deren Sinn sich ihnen nicht erschließt. Sie wollen gefordert werden und ihre Welterschließungskompetenz verbessern. Ich musste also die Angebote für den Erwerb ihrer kognitiven Fähigkeiten so gestalten, dass sie nah genug an der kindlichen Erlebniswelt und dennoch entsprechend reizvoll waren, um Motivation und Lebendigkeit nachhaltig aufrechtzuerhalten auch beim Schriftspracherwerb und Lesenlernen.
Hier kommt nun das Theater als ein konkurrenzfähiges und ästhetisch und kognitiv attraktives Angebot ins Spiel. Theaterspielen erhält nicht nur die Spannung über einen längeren Zeitraum aufrecht, sondern bietet den Kindern auch einen meist neuen, immer jedoch eigenen Kosmos, in dem sie ihr Weltverständnis spielerisch einüben, ausloten und erweitern können. Theater ist die ideale Ergänzung der kindlichen Alltagserfahrung und ein hilfreicher...

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