10. – 13. Schuljahr

Fu Li Hofmann

„Mein Herr, was wollen Sie von mir?

Schauspielerisches Lesen dramatischer Texte

Ist die Interpretation eines literarischen Werkes nur eine Wiedergabe der literaturwissenschaftlichen Sicht, verpufft ihre sprachfördernde Wirkung. Sie kann aber auch Freiräume eröffnen besonders, wenn die Schülerinnen und Schüler Leerstellen entdecken und mit eigenen Vorstellungen füllen können. Dann erkennen sie auch generelle Möglichkeiten und Grenzen sprachlicher Äußerungen.

Egal, welche Erfahrungen man bislang mit Textinterpretationen gemacht hat: Ein Perspektivwechsel kann nicht schaden. Und diesen findet man in einem theaterpädagogischen Verfahren: dem „schauspielerischen Lesen eines Textes.
Schauspielerinnen und Schauspieler haben eine besondere freiere Haltung dem literarischen Text gegenüber.
  • Erstens arbeiten sie nicht allein, sondern im Kontext des jeweiligen Ensembles.
  • Zweitens gehen sie mit dem (berechtigten) Selbstverständnis an den Text heran, sich deutlich einmischen zu dürfen, schließlich besteht ihr Ziel nicht darin, eine literaturwissenschaftliche Analyse vorzulegen, sondern ein neuerliches Kunstwerk: die Inszenierung.
  • Und drittens umfasst ihre Interpretation nicht nur fachliche Argumentation, sondern auch körperlichen Ausdruck, die Improvisation auf der Bühne.
So kann etwas Neues entstehen.
Man stelle sich beispielsweise folgende Ausgangssituation vor: Der neunten Klasse eines Gymnasiums wird der Beginn von Georg Büchners „Leonce und Lena vorgelegt, nur ein kurzer Teil der ohnehin nicht langen ersten Szene. Leonce schwadroniert über Langeweile, sein Hofmeister pflichtet ihm bei, wird dann aber weggeschickt. Das ist alles. Nicht besonders reizvoll, könnte man meinen. Aber die zunächst skeptischen Schülerinnen und Schüler steigen stufenweise hinein in eine ebenso ungewohnte wie aktivierende Interpretation.
Wo und wann? Schauplätze und Zeiten
Die Lehrkraft bittet darum, in kleinen Gruppen Antworten auf eine einfache Frage zu suchen:
  • Wo spielt die Szene?
  • Wo halten sich Leonce und der Hofmeister auf?
Gewiss, im Garten, das ist in Büchners Nebentext zu finden. Aber wie kann man sich diesen Garten vorstellen? Darüber gehen die Meinungen schnell auseinander: Es könnte sich um einen großen und gut gepflegten Innenhof des fürstlichen Schlosses handeln. Die beiden säßen im Zentrum des Hofes neben einem Springbrunnen in der Sonne.
Eine Gruppe wendet ein, der Prinz habe gewiss keine Lust, vom gesamten Hofstaat beim Faulenzen beobachtet zu werden. Die beiden befänden sich darum vielmehr in einer schattigen Ecke zwischen dem Brennholzstapel und den Gemüsebeeten. Zeichnungen werden angefertigt und verglichen. Und immer wieder kommt es zum Abgleich der eigenen Vorstellungen mit dem Textauszug: Woher stammt eigentlich der Sand, den Leonce plötzlich in die Hand nimmt? Gibt es dort einen Spielplatz? Oder gar eine für den Prinzen eingerichtete Strandbar?
Erweitert werden diese Überlegungen durch die Frage nach der Zeit:
  • Wann spielt die Szene?
Auch hierzu finden die Gruppen Hinweise im Text, die sie mit eigenen Vorstellungen anreichern: Viele sind der Auffassung, es handle sich um einen Tag im August. Es sei Hochsommer, weil die Bienen so träge an den Blumen sitzen. Und darum habe man allen Grund, sich einen Schattenplatz zu suchen. Andere glauben eher, Hinweise für einen Herbsttag zu finden, weil von Wolken am Himmel die Rede sei. Um die Vielzahl der Möglichkeiten einerseits vertiefen und andererseits vergleichen zu können, bittet die Lehrkraft die Schülergruppen, ihr bisher gewonnenes Bild in ein Standbild zu fassen. Und so sieht man nach einer gewissen Zeit gestalterischer Diskussionen auf der Bühne unterschiedliche Momentaufnahmen, die gemeinsam analysiert und kritisiert werden.
Woher? Die unmittelbare Vorgeschichte
Das genaue Betrachten der beiden Figuren weist natürlich längst über die Frage nach Ort und Zeit hinaus, denn in allen Standbildern werden meist...

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