1. – 13. Schuljahr

Rezensionen

Dorothea Pachale
Stimme und Sprechen am Theater formen
Diskurse und Praktiken einer Sprechstimmbildung „für alle vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Bielefeld: transcript Verlag 2018
Die Theaterwissenschaftlerin Dorothea Pachale hat eine Studie über die Entwicklung der Stimm- und Sprechbildung im deutschsprachigen Raum vorgelegt. Sie stellt erkenntnisreiche Bezüge her zwischen den Methoden der sprecherzieherischen Arbeit am Theater und den Übungspraktiken im Bereich einer allgemeinen beruflichen und persönlichen Weiterbildung. Eine theoretische Fundierung der Untersuchung entwickelt die Autorin aus Michel Foucaults Analyse zur Disziplinargesellschaft und Jon McKenzies Beschreibung einer Performancegesellschaft.
Historische Betrachtung der Sprechstimmbildung
Im ersten Teil beschäftigt sich Pachale mit einer historischen Betrachtung der Sprecherziehung in Hinblick auf Norm, Übungsmethodik und Prozesse der Institutionalisierung. Im Zentrum steht hier der nationalpolitisch motivierte Entstehungsprozess des Aussprachewörterbuches „Deutsche Bühnenaussprache des Germanisten Theodor Siebs (1898), das im Laufe der Zeit nicht nur für die Bühne Normcharakter erhielt, sondern auch die überregionale Verkehrssprache formte. Diese Vereinheitlichung der Aussprache führte zudem zu entsprechenden Übungskompendien, die von Pachale auf Basis der Disziplinartheorie nach Foucault untersucht werden.
Ihrer Analyse zufolge bestimmten Formkontrolle und strenge Wiederholung im letzten Drittel des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine systematische Übungspraxis. Die Autorin geht exemplarisch auf die Publikation von Julius Hey (Der kleine Hey. Deutscher Gesangsunterricht. Erster Teil: Die Kunst der Sprache, 1911) ein. Die Ausbildung der Sprechnormierung findet ferner ihre Entsprechung in einer Institutionalisierung der Sprecherziehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die an deutschen Universitäten zur Gründung des Faches Sprechkunde führt. Die Disziplin kann sich jedoch laut Pachale keinen breit anerkannten Status in der Wissenschaft erarbeiten: Bei schlechter Entlohnung und geringer Einbindung in die Forschung ist die Sprecherziehung von Beginn an ein „Orchideenfach. Eine verstärkte institutionelle Verankerung der „Sprechkunde an Schulen erfolgte schließlich im Nationalsozialismus. Die Autorin kommt hier zu dem Schluss, dass die disziplinierende Sprechnormierung eine Ideologisierung des Faches ab 1933 beförderte.
Stimme und Sprache in den Dynamiken der Performancegesellschaft
Die Sprechnorm, die Praxis der Sprechstimmbildung und die institutionelle Entwicklung bestimmen auch im zweiten Teil des Bandes die Untersuchungssystematik. Der Fokus ist hier auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gerichtet, wobei nun die Tendenzen in der Sprechstimmbildung im Kontext einer gesellschaftlichen Umformung betrachtet werden.
Gemäß der Performancegesellschaftstheorie nach McKenzie entwickelt sich die Aussprachekodifizierung sowohl in der DDR mit dem „Wörterbuch der deutschen Aussprache als auch mit dem Duden-Aussprachewörterbuch in der BRD weg von einer „Höchstnorm (Pachale, S. 285) hin zu einem gebrauchsnahen Normierungsansatz. Dieses höhere Maß an Diversität zeigt sich auch in der praktischen Sprechstimmbildung. Es kommt nun zu einem breiteren Weiterbildungsangebot mit einer marktwirtschaftlichen Orientierung. „Der Bereich des Privaten verschmilzt mit dem des Ökonomischen (ebd., S. 309). Das Üben ist demzufolge von Effizienz, Wertung und Leistungsorientierung geprägt. Pachale analysiert und vergleicht Übungsansätze in einschlägigen Büchern und Seminaren und belegt einen hohen Grad an struktureller Standardisierung. Die Autorin beleuchtet hier den Konflikt des Anspruchs an den instrumentellen Charakter von Stimme: deren Modifizierbarkeit einerseits und die Vorstellung von einer Identifikation von Stimme mit Eigenschaften des Individuums andererseits (Stichwort: Authentizität)....

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