3. – 13. Schuljahr

Sonja Karadza/Karsten Kannengießer

Sprachförderung durch Theater?

Gegen eine pädagogische Funktionalisierung des Theaters

Theater spricht: durch Text, Körper, Bewegung, Musik und Licht. Es nutzt viele Sprachen. Was genau meint daher „Sprachförderung durch Theater? Welche Sprache(n) meinen wir? Was soll gefördert werden: Die Aussprache? Das Leseverständnis? Das laute Sprechen?

Auf dem Bildungsmarkt hat sich in den zurückliegenden Jahren die Zielperspektive „kulturelle Bildung etabliert. Bildungskrisen und schlechte Ergebnisse bei PISA-Tests führten u.a. zur Frage nach neuen Methoden im Unterricht. In diesem Zusammenhang wird über die Vereinnahmung der Theaterpädagogik für den Unterricht, deren Möglichkeiten und Nutzen diskutiert.
Es stellen sich zahlreiche Fragen: Ist ein Projekt gelungen, wenn ein Schüler den Text gut kann, wenn er ihn selber verfasst hat oder wenn er endlich vor Publikum spricht? Hat ein Theaterstück gut funktioniert, wenn man alles verstanden hat? Oder wenn man sich damit auf das Abitur vorbereiten konnte? Oder wenn es mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun hat? Diese Funktionalisierung des Theaters sehen wir kritisch.
Auf dem Weg zum künstlerischen Dienstleister?
Im Kinder- und Jugendtheater haben sich in den letzten Jahren einerseits viele hochspannende Formate der Kunst für ein junges Publikum entwickelt, die bis ins Partizipatorische hineinreichen. Andererseits werden Leistungen des Theaters immer mehr als Dienstleistung verstanden. Zugespitzt hieße das: Zu Weihnachten gibt es ein Märchen für Kinder ab fünf Jahren und für die Jugendlichen die prüfungsrelevante Lektüre.
Früher, so könnte man meinen, lasen Schulen noch, was Theater spielten, heute spielen Theater, was Schulen lesen. Dies zeigt sich in den Spielplänen der verschiedenen Häuser. Und nicht nur das: Kunst schafft sich aus dem inneren Antrieb einer Idee, eines Angetriebenseins. Darin liegt ihre Kraft. Was passiert, wenn diese als Auftragsarbeit verstanden wird?
Die Kraft des Theaters liegt darin, dass das Theater nicht echt ist. Es darf radikaler erzählen, es muss keine Neutralität bewahren, es darf Stellung beziehen. Es kann unmittelbar Tabus ansprechen und verhandeln, die so nie ihren Platz in den Schulalltag gefunden hätten. Das Theater kann ganz nach Belieben den Fokus auf einen Roman, ein Drama selbst setzen, verschieben, kürzen, ironisieren, ergänzen, den dramatischen Höhepunkt verschieben oder einfach ganz weglassen. Und das soll es auch, denn die Kunst ist frei. Das ist ihre Kraft.
Für die Freiheit des Theaters
Das Freiburger Theater im Marienbad spricht sich für die Freiheit der Theaterkunst aus. Dies soll kein Ausdruck dafür sein, dass es sich nicht für sein Publikum interessiert. Ganz im Gegenteil geht es darum, das System (Kinder- und Jugend-)Theater und damit auch die geläufigen Formate und Inhalte zu überdenken, um nicht Teil des gleichen formgebenden Programms zu werden, das Kunst zum Instrument des Weltverstehens statt des Infragestellens macht.
Die Theaterpädagogik am Theater im Marienbad versteht sich als Vermittlerin genau dieser freien Kunst und Impulsgeberin für weiteres kreatives Arbeiten mit dem Publikum. Sie versteht sich als Partnerin von Bildungseinrichtungen, aber nicht als verlängerter Arm des Unterrichts. Sie mischt mit in politischen Diskursen und Debatten, statt diese nur verwertbar für junge Menschen zu machen. Sie will keine bloße Deskription betreiben, sondern zur Partizipation motivieren. Theater ist ein eigenständiges Medium, und dessen Besonderheiten müssen in der kulturellen Bildung respektiert und genutzt werden.
Sprache ist ein Schwerpunkt theaterpädagogischer Arbeit
Nicht selten spielt die Vermittlung von Sprache und deren Historizität einen der Schwerpunkte bei dieser theaterpädagogischen Arbeit. In Formaten wie einem Nachgespräch kann das Publikum im Anschluss an eine Vorstellung ins Gespräch kommen. Sinnliche Eindrücke, Irritationen, aber auch positives...

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