Matthias Warstat

Applied Theatre

Theater methodisch nutzen

„Applied Theatre gilt seit den 1970er-Jahren als Sammelbegriff für Theaterprojekte mit politischer, pädagogischer oder therapeutischer Intention. Jedoch gab es Theater, mit dem bestimmte Zwecke jenseits der Kunst verfolgt werden, schon immer, in allen Kulturen ein Blick auf die lange Geschichte des Theaters als Medium.

Theater ist keine fest umrissene Methode, die man aus einer Gebrauchsanweisung erlernen könnte. Zwar verfügen alle Praktikerinnen und Praktiker des Theaters über ein Repertoire an Methoden, aber die wenigsten würden behaupten, für alle Anlässe und Eventualitäten fertige Rezepte zu haben. Dort, wo Theater als Kunstgattung definiert wird, besteht die Neigung, methodische Aspekte eher zu verschweigen, weil der Methodenbegriff eine Zweckorientierung suggeriert, die zur Sphäre des Ästhetischen nicht gut zu passen scheint. In historischer Perspektive ist aber klar, dass das Theater zu allen Zeiten Zwecken unterworfen wurde, von denen viele außerhalb der Kunst im engeren Sinne lagen. In den letzten Jahren gibt es wieder ein verstärktes wissenschaftliches und theoretisches Interesse an den vielfältigen Möglichkeiten, Theater als Methode gezielt einzusetzen und anzuwenden.
Im Jahr 1916 verfasste der Kunsttheoretiker Viktor Šklovskij, der heute als einer der wichtigsten Vertreter des russischen Formalismus gilt, seinen Aufsatz Kunst als Verfahren. In ihm findet sich ein bündiger Vorschlag, wie man Kunst als Methode beschreiben kann: „[] das Verfahren der Kunst ist das Verfahren der ‚Verfremdung der Dinge und das Verfahren der erschwerten Form, ein Verfahren, das die Schwierigkeit und Länge der Wahrnehmung steigert, denn der Wahrnehmungsprozess ist in der Kunst Selbstzweck und muss verlängert werden; die Kunst ist ein Mittel, das Machen einer Sache zu erleben; das Gemachte hingegen ist in der Kunst unwichtig.1 Durch Brecht wurde die Idee der Verfremdung später auch im Theaterdiskurs zur Beschreibung wesentlicher Techniken herangezogen, allerdings erschiene er uns heute wohl zu eng, um Theater ganz grundsätzlich als Methode zu definieren. Anthropologische Lesarten von Theater verweisen eher auf die theatralen Aufführungen zugrundeliegenden mimetischen Praktiken, auf gestische und mimische Formen des Darstellens im Allgemeinen, wenn sie die Verfahren des Theaters umschreiben möchten: Praktiken, die als Theater bezeichnet werden, nutzen Formen der figurativen oder auch objekthaften Verkörperung, um imaginäre Räume, fiktive Welten oder andere besondere Varianten von Interaktion hervorzubringen. Jede Theateraufführung, die Akteure und Zuschauer zueinander ins Verhältnis setzt, kann als ein Produkt theatraler Verfahren beschrieben werden.
Eine gewisse Skepsis oder sogar Aversion, die der Methodenbegriff bei Theaterliebhabern auslösen kann, ist vielleicht vor allem mit dessen Verwendung im Singular erklärbar. Es klingt verkürzend und nahezu ignorant, Theater als eine Methode zu bezeichnen. Schon mit Blick allein auf die Theaterformen, die heute in unserer unmittelbaren Umgebung zu erleben sind, fällt die Fülle an unterschiedlichen Verfahren auf, die in vielfältigsten Kombinationen genutzt werden. Gänzlich unübersichtlich wird das Bild, wenn man eine historische Perspektive wählt und die enorme Vielfalt an Praktiken in den Blick nimmt, die in den zurückliegenden Jahrhunderten als Theater tituliert wurden. Grundsätzlich kann jede Form von Theater auch als Methode zu Zwecken genutzt werden, die jenseits der Kunst situiert sind.
Applied Theatre: ein Begriff für Theater als Methode
Seit den 1980er-Jahren hat sich der englische Begriff Applied Theatre international als Sammelbezeichnung für Theaterprojekte mit expliziter politischer, pädagogischer oder therapeutischer Intention durchgesetzt. Es handelt sich um Projekte, die sich an klar definierte Zielgruppen richten: Dorfgemeinschaften, Stadtteilgruppen, Patienten, Klienten,...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen