3. – 13. Schuljahr

Kristina Wandel

Dichtung erfahren und verstehen

Theatermethoden im Deutschunterricht

Schülerinnen und Schüler experimentieren mit theatralen Methoden mit (poetischer) Sprache, finden so neue Ausdrucksmöglichkeiten, diskutieren deren Wirkungen und erweitern auf diese Weise ihr Sprachgefühl und ihren Zugang zu Literatur.

Will der Mensch seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleihen, so tut er dies im Wesentlichen durch Sprache. Sprache formt unser Denken, unser Erinnern und unsere Beziehung zu anderen Menschen. Als Medium des Austauschs bildet sie eine Grundlage sozialer Systeme und Kulturen. Ihre Strukturen prägen die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. Sprache transportiert Geschichte und prägt unsere Wirklichkeit.
Der Diskurs über den Zusammenhang von Sprache, Kultur und Identität ist uralt. Einigkeit besteht darüber, dass Sprache von elementarer Bedeutung für die Bildung einer eigenen Identität ist und somit grundlegend für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, auch im schulischen Kontext. Im Deutschunterricht ist Sprache Kerngegenstand und Medium zugleich, hier erweitern Schülerinnen und Schüler ihre Kompetenzen im Sprechen, Lesen und Schreiben. Ein Bewusstsein für (kreative) Sprachförderung, integrative Konzepte und die Tatsache, dass sprachliche Kompetenzen die Grundlage für Lernen in allen Fachbereichen bilden, scheint in den vergangenen Jahren noch einmal in den Vordergrund gerückt zu sein vorangetrieben durch eine wachsende kulturelle und sprachliche Vielfalt in unserer Gesellschaft.
Die didaktisch-methodischen Überlegungen über den Zusammenhang von Theater- und Deutschunterricht sind zum Teil auch uralt. In ihrem Kern greifen beide Fächer auf ähnliche Elemente zurück: Intuition, Fantasie und kreatives Denken. Sprache ist hier wie dort zentraler Gegenstand; das Drama Spielanlass, historisches Zeugnis oder Abiturlektüre; szenisches Spiel steht als fester Bestandteil im Rahmenplan Deutsch. Deutschunterricht bedient sich also längst theaterästhetischer Mittel: Standbilder, die vor allem von Ingo Scheller ausführlich behandelte szenische Interpretation1, Podiumsdiskussionen als Rollenspiele, Foto-Romane, gestalterisches Schreiben, (schau)spielerische oder filmische Umsetzung von Texten.
Man kann sich also gegen eine lebendige, handlungs- und schülerorientierte Auseinandersetzung mit Literatur und Sprache im Deutschunterricht kaum wehren. Das ist ein Glück. Zugleich scheint hier eine Gefahr in der Gestaltung des Unterrichts zu lauern: Wo es kreative Momente, kooperative Lernformen und fantasievolle Produkte gibt, darf oder sogar muss es wohl oder übel auch Unterrichtseinheiten mit einer Flut von Arbeitsblättern geben, die sich mit Strukturen, Regeln, Theorie(n) und Analysesystemen beschäftigen. Beispielsweise äußert sich Grammatik gern als umfangreicher Arbeitsplan ohne inhaltlich motivierten Kontext. Bei Textanalysen droht häufig die Seele eines Textes verloren zu gehen, weil das Verfolgen eines Schemas dringlicher erscheint als das Geschriebene selbst. Oder Gedicht-Interpretation. Je nach Altersgruppe wird Lyrik bildnerisch gestaltet, in seine Verse zerschnitten und zusammengeklebt oder in der Oberstufe wie schon die Eltern ihren Kindern prophezeien durchgekaut und überinterpretiert.
Genau hier will die folgende Ideen-Sammlung einen Ansatz versuchen. Inwiefern können theatrale Methoden im Deutschunterricht den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, Sprache das heißt den Klang und das Ästhetische eines Textes sinnlich zu erleben, um sich vor dem Hintergrund dieser Erfahrung analytisch mit ihr auseinanderzusetzen? Dabei geht es weniger um häufig genutzte schauspielerische Wege des Abbildens oder des szenischen Spiels, sondern vor allem um musikalisch-rhythmische Elemente von Sprache, im Speziellen von Lyrik.
Sprache sinnlich erleben
Der Begriff „Lyrik meint in seinem antiken Ursprung einen von einer Lyra begleiteten Vortrag oder Gesang. Sprache...

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