10. – 13. Schuljahr

Nina Simon

Differenz erspielen

Augusto Boals „Statuentheater und diversitätssensible, diskriminierungskritische Bildung

Sich gesellschaftlicher Verhältnisse mittels theatraler Methoden bewusst werden und sie daran anknüpfend reflektieren: ein Vorgehen, das sich für verschiedene Fächer eignet.

An artists duty [] , antwortete Nina Simone einmal in einem Interview auf die Frage nach der Aufgabe von Künstlern, „is to reflect the times (Simone 2009). Diese Prämisse sollte nicht nur für Kunstschaffende gelten, sondern auch für Personen, die in Bildungskontexten tätig sind. Entsprechend soll in diesem Beitrag der Frage nachgegangen werden, welche Chancen, aber auch welche Risiken entstehen, wenn die kritische Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse durch theatrale Methoden angeregt wird.
Unterschied ist nicht gleich Unterschied
Ein Konzept, das es diesbezüglich zu beachten gilt, ist Diversität. Zwar ist dieses mittlerweile in aller Munde, (zu) selten wird dabei allerdings darüber nachgedacht, dass Unterschiede nicht gleich Unterschiede sind. Es sollte also beispielsweise nicht darum gehen, verschiedene, bunte Schuhe auf einem Plakat als Sinnbild für Diversität zu inszenieren, sondern vielmehr darum, gesellschaftlich wirksame Differenzverhältnisse kritisch zu hinterfragen und im Rahmen von Bildungsprozessen darauf abzuzielen, diese zumindest versuchsweise zu modifizieren (vgl. Mecheril 2015).
Dafür ist es erforderlich, Diversität mit Machtasymmetrien zusammen zu denken. Macht ist der Faktor, der es ermöglicht, Unterschiede, tatsächliche ebenso wie zugeschriebene, nicht nur als solche zu (re)produzieren, sondern zudem in Ungleichheiten zu verwandeln. Ein solches Verständnis von Diversität kann dazu beitragen, die Mechanismen von Inklusion und Exklusion zu verstehen.
Auch mit Blick auf die Funktionsweisen von Exklusion beziehungsweise Diskriminierung spielt Macht die zentrale Rolle: Gemein ist allen Diskriminierungsformen, dass sie stets sowohl auf individueller als auch auf institutionell-struktureller sowie medial-diskursiver Ebene wirken. Sie basieren stets auf einem diskursiv (re)produzierten binären Unterscheidungsschema (beispielsweise: Mann Frau (Sexismus); Weiß of Color (Rassismus)). Die Gruppe in der mächtigeren Position konstruiert dabei die je andere und generiert dadurch die Legitimation für das bestehende Machtungleichgewicht, das nicht umgekehrt werden kann. Daraus resultiert, dass beispielsweise nur Frauen (nicht aber Männer) Sexismus und nur People of Color (nicht aber Weiße) Rassismus erfahren (können).
Da People of Color aber beispielsweise nicht nur People of Color, sondern auch Frauen of Color oder Arbeiterinnen of Color sein können, gilt es zudem, die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen in einer Person zu beachten. Hierfür kann das Konzept der Intersektionalität fruchtbar gemacht werden, da es mit diesem gelingt, die Verschränkung der Diskriminierungsformen zu fassen, die nicht als Addition zu verstehen sind, sondern in ihrem Zusammenwirken qualitative Unterschiede mit sich bringen (vgl. Walgenbach 2012).
Das eigene Involviertsein als Ausgangspunkt für theatrale Methoden
Sollen theatrale Methoden für Bildungsprozesse furchtbar gemacht werden, die es allen ermöglichen, sowohl über gesellschaftliche Verhältnisse als auch über die je eigene Position innerhalb dieser Verhältnisse zu reflektieren, ist es also unabdingbar, kritisch-reflexiv über Machtasymmetrien und die unterschiedlichen Positionierungen innerhalb dieser nachzudenken. Findet ein solches Nachdenken nicht statt, läuft der Einsatz theatraler Methoden in diesem Zusammenhang Gefahr, Analogien beispielsweise zum vorherrschenden Inklusionsdiskurs zu (re-)produzieren: Als „zu inkludierend werden in diesem Zusammenhang häufig nur die als „anders Konstruierten als gekennzeichnet. Dies trägt nicht nur zu einer Viktimisierung dieser Gruppe bei, sondern auch dazu, auf diese und nicht auf...

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