Sabine Köstler-Kilian

Mit Methoden  des Theaters lernen

Grundsätzliche Überlegungen für Schule und Unterricht

Unabhängig von Art und Inhalt eines Unterrichtsgegenstands ist der Prozess der Auseinandersetzung mit ihm für seine Aneignung entscheidend. Der Einsatz theatraler Mittel ermöglicht Lernenden, einen Inhalt in eine Form zu übertragen und so handelnd und körperlich erfahrend einen Zugang zum Stoff zu finden.

Schulischer Unterricht hat seit dem PISA-Schock zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen Paradigmenwechsel vollzogen: Von einem inhaltlich-inputorientierten Unterricht hin zu einem outcome-gesteuerten, kompetenzorientierten Unterricht. Dabei ist der Kompetenzbegriff nach Weinert hinsichtlich seiner Komplexität für die Praxis zwar nicht unproblematisch1, aber dennoch grundlegend für die Ausrichtung der neuen Lehrpläne.
Entscheidend dabei ist, dass es für die Umsetzung einer kognitiven Kompetenz (gemeint sind die kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, womit im herkömmlichen Sinne Wissen und Können gemeint sind) in ein konkretes Handeln mehr bedarf als der Kompetenz selbst: Eine Kompetenz zeigt sich in der Performanz, also im konkreten Handlungsvollzug (vgl. ISB Informationsblatt April 2006).
Schule und Unterricht haben darüber hinaus aber auch einen Allgemeinbildungsauftrag. Was nach allgemeinem Verständnis so lapidar formuliert ist, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ziemlich ambitioniert. Denn bezugnehmend auf den Schulpädagogen und Hochschullehrer Hans Glöckel würde das bedeuten, dass man die kulturellen Herausforderungen in ihrer je gegenwärtigen Beschaffenheit und Komplexität ernst nehmen müsste, ohne sie im Rahmen von schulischer Allgemeinbildung auf eine angenommene direkte ökonomische Brauchbarkeit zu verengen. Schule darf sich also bei der Auswahl der Inhalte, Verfahren und Ziele nicht auf einen oberflächlichen Utilitarismus stützen, sondern muss vielmehr danach fragen, was für das gesamte Leben sinnvoll, sinnhaltig und sinngenerierend ist.
Hinsichtlich des Allgemeinen Bildungsverständnisses berufen sich die Lehrpläne implizit oder explizit noch immer auf das traditionelle Bildungsverständnis Humboldtscher Prägung2 und das Wechselverhältnis von Ich und Welt als Bezugsgröße. Dieses Bildungsverständnis hat aktuell eine Reformulierung erfahren, wobei die offene und bei Humboldt ungeklärte Frage in den Fokus rückt, wodurch die Wechselwirkung von Ich und Welt ausgelöst wird, oder anders formuliert: Was ist der Anlass für Bildungsprozesse? Mit der Theorie transformatorischer Bildungsprozesse nach Kokemohr werden Krisensituationen, Problemlagen, Irritationen, Scheitern, Fremdes, Prekäres als solche Anlässe genannt: „Von Bildung zu sprechen sehe ich dann als gerechtfertigt an, wenn der Prozess der Be- oder Verarbeitung subsumtionsresistenter Erfahrung eine Veränderung von grundlegenden Figuren meines je gegebenen Welt- und Selbstentwurfs einschließt.(Kokemohr 2007, S.21)
Demzufolge haben Begegnungen mit dem Fremden, dem nicht sogleich Eingängigen, dem Widerständigen oder grundsätzlich dem, was sich den subjektiven Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern entzieht, ein immanentes Bildungspotenzial. Ein veränderter Bildungsbegriff geht demzufolge auch von einem veränderten Subjektbegriff aus; wenn sich der Bildungsbegriff ändert, ändert sich demnach auch die Subjekttheorie. Wenn Bildungsprozesse unabschließbar sind, dann ist auch das Subjekt etwas Unabgeschlossenes, etwas niemals Fertiges. Subjekt ist keine Instanz, sondern eher ein Moment eines Bildungsprozesses und unterliegt selbst einer Prozesshaftigkeit (vgl. Kokemohr 2007, S. 21). Das bedeutet für das Subjekt zweierlei: Zum einen wird es durch äußere Strukturen, Machtverhältnisse usw. geformt (vgl. hierzu Judith Butler), zum anderen generiert sich das Subjekt im Prozess selbst. Auf Schule und Unterricht bezogen bedeutet das: Das Subjekt sollte Spielräume eröffnet bekommen, sich in differenzierten handlungsgeleiteten Verfahren und Methoden zu erfahren und zu generieren....

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen